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Waldrun
geb. 1943 v. Alchimist a. d. Walburga v. Aurelius
Züchter: Max Herding
Besitzer: Gestüt Ravensberg
Trainer: A. Schulte

E ines vorab: an dieser Geschichte bin ich zum größten Teil unschuldig und sage an dieser Stelle einem "Turfkönig" großen Dank! Ich hoffe, die wundgetippten Finger sind zwischenzeitlich wieder verheilt...

U ntrennbar ist die Geschichte des Gestüts Ravensberg mit so großen Pferden wie Neckar, Waldrun, Windstille und dem aus dieser Linie stammenden Windwurf oder Spielhahn, Grenzbock, Tajo und, und ... verbunden. Vielen sind diese Namen vielleicht nicht mehr so geläufig, auch sind die Ravensberger-Farben heute nicht mehr so stark wie vor vielleicht zwanzig, dreißig Jahren auf der Rennbahn vertreten. Den wirtschaftlichen Zwängen - ein Gestüt muss ab einer gewissen Größenordnung kostendeckend arbeiten - folgend wurde die Mutterstutenherde stark verkleinert und der größte Teil der Gestütsanlage 1993 verpachtet. Die bereits bestehende Trainingsanlage wurde nach modernsten Gesichtspunkten umgestaltet und heute von Peter Rau erfolgreich genutzt, aber mehr dazu in der Geschichte Windwurfs. Das Gestüt Ravensberg hat ganz große Zeiten erlebt, Grund genug, ein ganz klein wenig die Geschichte dieser einst so erfolgreichen und führenden Zuchtstätte zu beleuchten, bevor wir uns Waldrun und ihren Kindern zuwenden.

D ie Quellen gehen zwar über das eigentliche Gründungsjahr mal wieder "schön" auseinander, aber nicht über den Gründer von Ravensberg. Diese Ehre gebührt Paul Niemöller (1869 - 1946). Dieser Herr Niemöller besaß bereits mit 26 Jahren Vollblüter, zum Teil in Partnerschaft mit einem Herrn Velhagen und einem Grafen Schmüsing. Paul Niemöller selbst war Inhaber einer gut florierenden Schnapsbrennerei in Gütersloh (die bis ca. 1990 existierte). Seine Kundschaft - zum größten Teil Gastwirte - rekrutierte sich aus dem ostwestfälischen Umland, dem Lipperland, dem südlichen Westfalen und dem Sauerland, halt da, wo Bier und Korn eine Einheit sind und als Grundnahrungsmittel der männlichen Bevölkerung angesehen werden. Als offizielles Gründungsjahr von Ravensberg gilt 1907, das Geburtsjahr des ersten selbstgezogenen Hengstfohlens Humorist. Sicher ist aber, dass Paul Niemöller bereits um die Jahrhundertwende auf dem späteren Gestütsgelände Vollblüter hielt und erste Holzställe errichtete. Spätestens 1915/1916 war der Erwerb des Geländes abgeschlossen, ab 1921 wurden feste Stallgebäude errichtet.

I m Frühjahr/Sommer 1918 hatte Ravensberg einen "Zaungast", ein vierzehnjähriger Steppke beobachtete sehr interessiert das ganze Geschehen. Irgendwann stolperte auch der Gestütseigner über den Jungen. Das Gespräch zwischen Paul Niemöller und dem Jungen könnte so abgelaufen sein:
"Was guckste hier immer rum?"
"Och, hier ist halt immer was zu sehen, vor allem die Pferde..."
"Magste denn Pferde?"
"Ja, sehr sogar!"
"Willste hier anfangen?"
Der Junge nickte strahlend und beiden Beteiligten dürfte nicht klar gewesen sein, welche tiefgreifenden Folgen dieses Gespräch haben sollte. Dieser junge Mann war niemand anders als Johannes (genannt "Hans") Kuhr (1904 - 1968), der am 5. Oktober 1918 seine Arbeitsstelle antrat. Ein wahres Naturtalent in Sachen Vollblut, Hans Kuhr hat nie eine Ausbildung absolviert, nie in einem anderen Gestüt gearbeitet - 50 Jahre lang hielt er Ravensberg, bis zu seinem viel zu frühen Tod 1968, die Treue und hat seine Wirkungsstätte und die deutsche Vollblutzucht maßgeblich geprägt, u. a. ging auch der Ankauf von Neckar auf sein Konto. Er hatte eine der feinsten Nasen für Vollblüter, die es in Deutschland jemals gegeben hat. Früh bekommt er die Leitung des Gestüts von Paul Niemöller übertragen, 1934 bekommt "Hans" auch die Verantwortung für das Training (wobei Paul Niemöller den Besitzertrainer "gab" - erst nach dem 2. Weltkrieg, durch die kurzfristig gelockerten Bestimmungen, konnte Hans Kuhr offiziell die Trainerlizenz beantragen) - aber zurück in die dreißiger Jahre: Im Jahre 1933 meckerte sein damaliger Trainer gegenüber Paul Niemöller: "... so miserable Pferde habe ich noch nie gehabt, die meisten sind ein Fall für den Abdecker!"
Fand der Besitzer nicht gerade witzig und sagte nur: "Das ist ein Wort!" und ließ seine Rennpferde noch am gleichen Tag abholen und überstellte sie nach Ravensberg. Nun kam die Mannschaft in Ravensberg leicht ins schleudern, denn auf die Invasion von knapp einem Dutzend Rennpferde war man so aus dem Handgelenk nicht vorbereitet. In Windeseile wurde zunächst eine provisorische Trainierbahn von bescheidenen Ausmaßen aus dem Boden gestampft. Später wurde diese Trainingsbahn sukzessive erweitert, die Größe, die Herr Rau heute "inne" hat, wurde aber erst nach dem 2. Weltkrieg erreicht. Übrigens, diese Trainingsbahn hat keine 2000 m Länge, sondern irgendwas zwischen 1400 und 1500 m - aber dies nur am Rande. Aber durch den unvorsichtigen Spruch eines Trainers wurde auf einem Areal Gestüt und Trainingsanlage kombiniert - sonst nur noch vergleichbar mit Gestüt Röttgen.

1 946 starb Paul Niemöller und sein Enkel, Reinhard Delius, übernahm im Alter von nur 23 Jahren Ravensberg. Reinhard Delius ist zwar ein Reitersmann und hatte auch im Krieg mit Pferden zu tun, aber von der Pieke auf (als Schüler im Internat, danach im Krieg) hat er die Vollblutzucht nicht lernen können. Stütze in all den Jahren - vor allen Dingen in den Anfangsjahren - war ihm der stets ausgeglichene und unerschütterliche Hans Kuhr.
Übrigens, so richtige Ravensberger Pferde erkennt man auch an ihren Namen, die stammen alle aus der Wald- bzw. Försterszene. Diese Tradition wird heute noch beibehalten.

1 943, im Geburtsjahr von Waldrun, ging der Krieg mit all seinen Schrecken weiter, General Paulus wird mit der 6. Armee bei Stalingrad eingekesselt und vernichtend geschlagen, ca. 146.000 Gefallene und 90.000 Kriegsgefangene. Hitler befiehlt die Politik "der verbrannten Erde" beim Rückzug aus Russland. Das Land und seine Menschen brauchen Jahre, um sich von diesen Schlägen zu erholen. Die britische Luftwaffe fliegt am 25. und 26. Juli den Angriff, der unter dem Namen Gomorrha bitterste Geschichte schreibt, und Hamburg tausendfachen Tod bringt - Hamburg brennt. Die Alliierten nehmen Berlin ins Visier, es beginnen fortgesetzte schwere Luftangriffe. Die Geschwister Sophie und Hans Scholl verbreiten in der Münchener Universität die Flugblätter der "Weißen Rose" und werden wie Prof. Kurt Huber, der einen Teil der Flugblätter verfasste, hingerichtet. Aufstand im Warschauer Ghetto gegen die Nazis - fast alle 40.000 Einwohner werden nach heldenhaften Widerstand gegen eine Übermacht getötet. In diesem Jahr erreicht auch der U-Boot-Krieg seinen traurigen Höhepunkt, im Verlauf des II. Weltkrieges fallen von 39.000 U-Boot-Soldaten 33.000. Von Tunis aus ziehen sich die letzten deutschen und italienischen Soldaten aus Afrika zurück. Die Alliierten landen in Sizilien, der italienische Faschismus bricht zusammen. Mussolini wird gefangen genommen und von einem deutschen Fallschirmkommando befreit. Italien kapituliert und erklärt Deutschland den Krieg. Japan ordnet die totale wirtschaftliche Mobilmachung an.

A ber kommen wir nun endlich zu Waldrun; gezogen noch von Max Herding, trat die Stute für den Stall Porta, hinter dem sich die die Herding'schen Erbengemeinschaft verbargen - vertreten durch Major a. D. Leonhard auf der Rennbahn an. Bei der Betrachtung der Rennleistungen von Waldrun ist Vorsicht geboten. Drei- bis vierjährig sprangen zwar "nur" ein Sieg und elf Platzierungen raus - aber man möge bedenken, in welcher furchtbaren Zeit Waldrun ihre Rennen bestritt. Kriegsbedingt hing der Rennsport natürlich in den Seilen, viele Pferde waren in den Kriegswirren verloren gegangen, viele hatten die Flüchtlingstrecks nicht überlebt, dies gilt vor allen Dingen für die Züchter aus dem ostdeutschen Raum, die vor der russischen Armee flüchteten. Von miserablen Trainingsbedingungen, Futternotstand und wegfallenden Transportmöglichkeiten ganz zu schweigen. Waldrun, väterlicherseits auf Festa zurückgehend (in der Vollblutzucht gilt eigentlich nur die Verbindung über die Mutterlinie - trotzdem erwähne ich es hier einmal), war neben ihrer großartigen Urahnin eine Mutterstute von außergewöhnlicher Güteklasse. Nennt man die bedeutendsten Zuchtstuten im 20. Jahrhundert in Deutschland, sind es Festa und Waldrun (streng nach Alphabet), die sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern.

1 949 besuchte Waldrun den Deckhengst Ansitz, den ersten selbstgezogenen Deckhengst Ravensbergs und fohlt dort zuvor ihren Erstling Windstille. Hans Kuhr gefällt die Gaststute ausnehmend gut, er findet, sie sei der ideale Stutentyp und dazu noch von dem Graditzer Alchimist abstammend. "Herz - was willste mehr..". Wer da aufeinander zuging und die Initiative ergriff - ist unklar. Fakt ist, im Sommer 1949 wechselte die Stute mit Fohlen Windstille bei Fuß "im Paket" für DM 5500 bis DM 6000 (auch die genaue Summe ist aufgrund unterschiedlicher Quellen nicht exakt ermittelbar) in den Besitz des Gestüts Ravensberg.

W aldrun und ihre Kinder

1 949 kam die Avanti-Tochter Windstille auf die Welt. Zweijährig ziemlich geschont, mauserte sie sich zu einer der besten Stuten ihres Jahrgangs, gewann sechs Rennen u. a. den Deutschen Stutenpreis, den Rheingold-Pokal und war Zweite im Schwarzgold-Rennen und im Preis der Diana. Windstille trat in 10 Rennen binnen 145 Tagen an, braucht es mehr Beweise für die Härte und Treue eines Pferdes?
Als Zuchtstute nahm sich Windstille ein Beispiel an ihrer Frau Mutter und brachte den Derbysieger Waidwerk, den späteren Deckhengst Windspiel, den Seriensieger Windbruch und die vierfache Siegerin Wiesenblüte (z. B. Schwarzgold- Rennen 1959), die Großmutter des legendären Windwurfs. Besser konnte sie ihrer Mutter kaum nacheifern.

1 950 folgt die Ansitz-Tochter Waldschnepfe, leider war sie nicht vom Glück verfolgt, zweijährig gewann sie in Dortmund ein Rennen, starb aber als Dreijährige im Training, wo sie aus vollem Galopp tot in den Graben fiel - Grund offenbar Aorta-Riss.

1 951 kam die dritte Stute Wildbahn, v. Angeber, zur Welt - Wildbahns Rennkarriere war ziemlich wechselhaft, ihren ersten Start gestaltete sie recht nett und wurde Dritte, der nächste Start war ernüchternd, sie blieb unplatziert. Es folgte ein Sieg in einem 1000 m-Rennen, die Zeit von 1:00 auf guten Boden war sehr gut - bemerkte auch der Ausgleicher und "belohnte" Wildbahn mit 61 ½ Kilo. Bei ihrem nächsten Start wurde sie zweite und holte sich dann den Preis der Diana als 129:10 Außenseiterin, insgesamt kam Wildbahn 15 mal an den Start, vier Siege und 8 Platzierungen stehen in den Papieren.
Nach ihren 3 Fohlen (Wildbach, Wildhege und Wildwechsel gewannen 20 Rennen für sie) weigerte sich Wildbahn standhaft tragend zu werden und wurde vom Besitzer von Ravensberg eine Zeitlang dressurmäßig geritten.

1 952 lieferte Waldrun wieder ein Stutfohlen, als Sire zeichnete der Derbysieger Allgäu, die Stute erhielt den Namen Witterung - auch sie war auf der Bahn allererste Sahne. Witterung war recht spätreif, aber kerngesund und mit schnellen Beinen ausgestattet. Mit Micky Starosta im Sattel holte sie sich den Großen Preis der Industrie und Wirtschaft und das Paul-Rose-Rennen. Aber wie gut Witterung wirklich war, zeigte sie im Gerling-Preis, als sie den Hengsten nicht den Hauch einer Chance ließ. 10 Rennen gestaltete sie zu Siegen, in der Zucht war sie vergleichsweise weniger erfolgreich.

1 954 kam der schwarzbraune Nebelwerfer-Sohn Windfang, nach vier Stutfohlen endlich ein Hengst (der erste von fünfen). Dieser Hengst wird als bester Nachkomme der Waldrun angesehen, ein Pferd das dem Ravensberger Stalljockey Starosta ausgesprochen lag. Noch Jahre später war Starosta der Überzeugung, dass dieser stets alles gebende Hengst noch manches Rennen aus dem Feuer gerissen hätte, wenn nicht der Turfteufel den fünfjährigen Windfang im Visier gehabt hätte. Zwei Starts als Zweijähriger münzte der Hengst in Siege um, in einem dieser Rennen schlug er die großartige Thila. Im Preis des Winterfavoriten musste er sich Obermaat mit einem Kopf geschlagen geben. In Ravensberg war man für die kommende Saison wieder gut gerüstet. Dreijährig holte er sich zur allgemeinen Überraschung die Union mit 3½ Längen gegen niemand Geringeres als Orsini. Das Derby 1957 verloren Windfang und Starosta knapp gegen Orsini und Lester Piggott, über dieses Derby ist viel geschrieben worden. Viele sagen, Starosta hätte das Rennen vergeigt, Piggott hätte nur Dank seiner besseren Jockeyship gewonnen. Sei es drum, für alle Beteiligten um Ravensberg war die Pille bitter genug. Im Großen Preis von Baden war ihm der Sieg mit 2½ Längen vor den guten Franzosen Macip und Craneur nicht zu nehmen.
Das Ehepaar Delius sah sich nur selten Morgenarbeiten an, zum einen aus Zeitgründen und zum anderen war man der Meinung, der Trainer wisse schon, wie er seinen "Job" zu erledigen habe. Im März 1959 war es wieder einmal soweit, die Gestütseigner wohnten dem Training bei. Der fünfjährige Windfang ging unter Micky Starosta eine leichte Arbeit, und ohne dass es eine Veränderung im Verhalten des Pferdes gegeben hätte, ohne einen kleinen Ruck - Windfang hob ein Bein, das Bein war gebrochen. War es eine falsche Behandlung? War es der damalige Stand der Medizin (Welten von den heutigen Möglichkeiten entfernt)? War es einfach nur verdammtes Pech? Die Behandlung ging jedenfalls gründlich daneben. Die erste Operation hatte noch das Ziel, Windfangs Rennfähigkeit wieder herzustellen, aber schon beim Aufwachen aus der Narkose, beim Aufstehen platzte irgend etwas auf. Am 16. April 1959, drei oder vier Wochen nach dem Unfall wurde im Stall (!) eine fünfstündige Notoperation durchgeführt, jetzt galt es nur noch den Sohn der Waldrun für die Zucht zu retten. Man legte dem Hengst eine komplizierte und kunstvolle Schiene an, wochenlang stand Windfang mit einem furchtbar geschwollenem Bein in der Box. Schließlich begann das Fleisch unter der Schiene zu faulen und durch die einseitige Belastung hielt auch das andere Vorderbein nicht mehr. Schweren Herzens musste Windfang aufgegeben werden. Nie wieder kamen die Gestütsbesitzer zu einer Morgenarbeit.

1 955 lieferte Waldrun den Neckar-Sohn Wilderer, der bei 10 Starts drei Platzierungen erreichte und nur zwei Rennen gewinnen konnte, aber eins war eben das Derby, welches er mit dem später tragisch verunglückten Werner Gassmann als zweite Farbe gewann. Endlich - nach den zweiten Plätzen von Angeber, Grenzbock, Steinadler und Windfang - der verdiente Sieg im Blauen Band. Ein paar Tage später erkrankte der Dunkelbraune an einer Nierenentzündung, von der er sich nie mehr richtig erholte. Der elegante, aber leider nicht stabile Hengst wurde noch leichter. Johannes Kuhr sagte später: "Das Derby - nur zwei Tage später - und Wilderer hätte nix abbekommen."
Er ging in seinem klassischen Jahr noch dreimal ohne nennenswerte Ausbeute an den Start und beendete nach dem St. Leger seine Rennlaufbahn. Im Oktober 1960 verkaufte Ravensberg den Hengst an Haras Mon Desir in Lorena im brasilianischen Staat Sao Paolo. Später drangen vereinzelte Meldungen über gute Rennleistungen seiner Nachkommen nach Deutschland.

1 956 gab es wieder ein Hengstfohlen von Neckar, den wunderschönen Waidmann. Wer sagt, dass schnelle Vollblüter nicht schön sein dürfen? Der schwarze Waidmann war nicht nur ein Bild von einem Pferd, sondern auch ein Paradebeispiel für Frühreife und Härte - außerdem ein ganz lieber, verschmuster Kerl, der nie Ärger machte. Zweijährig holte er sich Sierstorpff- und Oppenheim-Rennen und machte dann nach dem Start im Zukunftsrennen seiner Umgebung deutlich, dass er reif für das Winterquartier war. Diese Geduld und Umsicht lohnte Waidmann, seinen ersten Start in der folgenden Saison im Henkel-Rennen münzte er gleich in einen Sieg um. In der Union ging er dann unter, im Derby passierte er als Dritter den Pfosten. Insgesamt kam Waidmann 39 mal an den Start, 16 Siege und 13 Platzierungen der gehobenen Art schlugen bei ihm zu Buche. Zu seinen größten Triumphen zählen der Sieg im Hansa-Preis und im Gerling-Preis. Der vierjährige Waidmann wurde zum Pferd des Jahres gewählt. Sechsjährig ging es zurück ins Gestüt, wo er eigentlich in die Fußstapfen seines Vaters als Deckhengst treten sollte. Aber die Befruchtungsfähigkeit entsprach nicht den Erwartungen und man gab ihn wieder in den Rennstall. Aber in seiner kurzen Zeit als Deckhengst gelang ihm immerhin Tajo, Sieger im Großen Preis von Europa.
Waidmann war ein ungemein harter Bursche, der elf- und zwölfjährig noch auf der Rennbahn war. Micky Starosta hat Waidmanns kämpferischem Mut immer die größte Hochachtung gezollt. Das Besondere an Waidmann war, dass er nach seiner ersten Decksaison als Siebenjähriger noch einmal zur absoluten Top-Form auflief: 12 Starts, 7 Siege, aber auch ein 2. Platz im Aral-Pokal und vielleicht ist sogar der 4. Platz als bestes deutsches Pferd im Großen Preis von Baden seine beste Leistung gewesen. Zu so einem ähnlichen zweiten Frühling setzte vor ein paar Jahren ein Pferd namens Germany an...

1 957 brachte Waldrun den Asterios-Sohn Waidmannsheil zur Welt, der auch nicht aus der Art schlug. Der Hengst gewann u. a. den Aral-Pokal, Großen Preis der Industrie und Wirtschaft - bei 40 Starts siegte er in sechs Rennen und war 16 mal platziert. Der Hengst hatte das Pech, oft gegen seinen Bruder Waidmann und seinen Neffen Windbruch antreten zu müssen, die letztendlich ein Ideechen besser waren als er. Weitere ständige Gegner waren Opponent, Kaiseradler, Wicht und Thiggo, sie traten bei zahlreichen Gelegenheiten gegeneinander an und oft entschied nur die Tagesform über den Sieg. Nach Beendigung seiner Rennlaufbahn stellte das Gestüt Fohlenhof Waidmannsheil als Deckhengst auf. Sein bester Nachkomme war Hitchcock, Sieger im Henckel-Rennen, Prix Eugene Adam und jeweils Dritter im Großen Preis von Baden und Europa - außerdem lieferte er als Vierter im Washington DC International eine hervorragende Partie.

1 959 ein erfolgreiches, aber auch ein trauriges Jahr für Ravensberg. Die Ravensberger "Flotte" brummte, aber das Gestüt verlor Waldrun bei der Geburt des Neckar-Sohns Waidmannsdank. Für den kleinen Rappen wurde eine Schimmelstute als Amme gefunden. Und auch mit ihrem letzten Fohlen hatte Waldrun einen Guten geliefert, der Hengst gewann fünf Rennen und war ebenfalls in der höheren Klasse platziert. Waidmannsdank avancierte zu einem höchst erfolgreichen Deckhengst in der Warmblutzucht. Ein Markt, der erst in den letzten Jahren vom Vollblutlager ernst genommen wird. Und dazu noch eins: Die Juroren der Warmblutzucht sind wahre "Fehlergucker", die nehmen noch lange nicht jeden Vollblüter. Außerdem sind für die Herren und Damen nicht die Rennleistungen allein entscheidend, sondern Exterieur, Bewegungen, Abstammung und Charakter sind weitere Auslesekriterien.

D ie neun Kinder der Waldrun gewannen 57 Rennen und Preisgelder von insgesamt 754.000 Mark. Das mag dem einen oder anderen, der die neuzeitlichen Millionenbeträge gewohnt ist, mager erscheinen. Aber die Rennen waren in den 50er-Jahren von den heutigen Dotierungen noch Lichtjahre entfernt.

E ng verbunden mit den Waldrun-Kindern ist der damalige Stalljockey des Gestüts: Micky Starosta beschreibt in seinem Buch "...und mein Pferd hat gelacht", die Jahre für Ravensberg als seine schönsten. Das Ehepaar Delius war für ihn der netteste, verständnisvollste und angenehmste "Brötchengeber" und Trainer Johannes Kuhr war eben Johannes Kuhr, der das Training mit entschiedener, aber leichter und geschickter Hand leitete. Auch Micky Starosta hat für Ravensberg hier und da ein Rennen in den Sand gesetzt oder ist mit Sieg in der Hand am Pfosten von einem Gegner erwischt worden (das kommt halt in den besten Familien vor), manches Mal war ihm auf dem Weg zurück zur Waage verdammt ungemütlich zu Mute. Aber die Besitzer Delius und Trainer Johannes Kuhr blieben immer ruhig und ärgerten sich nur im stillen Kämmerlein, ließen es nie an ihrem Stalljockey aus. Eine seltene, sehr anständige und noble Einstellung - damals wie heute gibt es sie immer noch, die Besitzer und Trainer, die das arme Reiterlein vor Zorn über einen verknüselten Ritt am liebsten ungespitzt in den Boden rammen möchten.

Z u Johannes Kuhr noch eine kleine Anekdote, passend zur Überschrift: Die Antwort wird immer auf der Rennbahn gegeben!
Wir schreiben das Jahr 1955 und wie immer gibt es am Derbyvorabend die Gala-Veranstaltung. Graf Spreti, einer der großen Männer im Sport und Eigner des Gestüts Waldfried, hat mit Masetto einen der Favoriten am Rennen. Lautstark diskutiert er mit einer Gruppe von Pferdeleuten über das bevorstehende Rennen, schimpft wie ein Rohrspatz: "....15 Starter - das ist doch unmöglich [der hätte mal 1977 dabei sein sollen]. Viel zu schlechte Pferde sind im Rennen, haben hier doch nichts verloren, z. B. dieser Steinadler und der X und der Y, was wollen die bloß im Derby!?!" Johannes Kuhr, der eben diesen Steinadler als Trainer für Ravensberg satteln wird, hört diese Tirade zwangsläufig, hat einen heiligen Zorn im Bauch, schweigt aber - so wie es seiner Art entspricht. Und ... Steinadler wird von Lustige mit Hals geschlagen Zweiter, Masetto endet im geschlagenen Feld.

V iele Jahre war es in der Waldrun-Linie - bis auf den zweifachen Galopper der Jahre '76 und '77 Windwurf - ruhiger geworden, 50 Jahre genau nach Waldruns Geburt kam aber 1993 in Ravensberg eine Fuchsstute zur Welt. Drei Jahre später teilte diese Fuchsstute die galopprennsportliche Nation Deutschland mit der kontrovers diskutierten Frage: Wer ist besser, der Derby- und Europa-Preis-Sieger Lavirco oder die turmhochüberlegende St. Leger-Siegerin Wurftaube!?
Mittlerweile ist Wurftaube zweifache Mutter mit den von Mark of Esteem gezogenen Stuten Waldbeere (1999) und Waldmark (2000) - bald wird man sie auf der Rennbahn sehen.

D amit niemand auf die Idee kommt, ich hätte alles im Kopf gibt es hier ein Literaturverzeichnis . Hinzugekommen ist ein separater "Altertums;-)-"Statistikteil, der sukzessiv erweitert wird.

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01.11.2002 © www.kincsem.de