------ gesponsert von ------

The Tetrarch
Irland, geb. 1911
v. Roi Herode a. d. Vahren v. Bona Vista
Züchter: Mr. E. Kenndey
Besitzer: Major McCalmont
Trainer: "Atty" Harry Persse

V or noch nicht einmal 100 Jahren, bewegten die "Erdlinge" diese Themen:
Das Deutsche Kaiserreich löste durch die Entsendung des Kanonenbootes ‚Panther' nach Agadir die zweite Marokko-Krise aus. Beendet wurde die leidige Auseinandersetzung durch das Marokko-Kongo-Abkommen: Deutschland verzichtete auf seinen Einfluß in Marokko und erhielt als Morgengabe einen Teil der französischen Kongo-Kolonien.
Wettrennen in eisiger Kälte, am 15.12.1911 erreichte Amundsen als erster Mensch den Südpol (ein Jahr später veröffentlichte sein Buch "Die Eroberung des Südpols") drei Tage später ist Scott da. Scott und seine vier Begleiter kamen auf dem Rückweg ums Leben.
Der Luftraum wird mehr und mehr erobert, der erste Direktflug der Herren Hirth und Garros von München nach Berlin erreichte die Rekordhöhe von 3.900 Metern.
Für viele vielleicht unglaublich, aber Island gab allen Frauen ohne wenn und aber nicht nur das Wahlrecht, sondern auch Zugang zu allen, auch geistlichen Ämtern.
Preußen führte die Schulpflicht für blinde und taubstumme Kinder ein.
In England begann u. a. der Bau zweier Schiffe, die ‚Olympic' und die ‚Titanic', ein Jahr später wurden sie in Dienst gestellt...
Umwälzung in China: Revolution hieß das Wort unter der Federführung von Sun Yat-sens, mehrere Provinz-Gouverneure schlossen sich an und die seit 1644 regierende Mandschu-Dynastie dankte ab.
Diebe unterwegs: Die jedem bekannte ‚Mona Lisa' von Leonardo da Vinci wurde aus dem Louvre gestohlen und 1913 in Italien wieder aufgespürt.
Und die Derbystadt Deutschlands? Der erste Elbtunnel Hamburgs, noch heute existierend und nutzbar(!), wird nach vierjähriger Bauzeit in Betrieb genommen, 448,5 Meter lang. Übrigens liegt die Tunneloberdecke in der Mitte des Bauwerks lediglich sechs Meter unter der Elbe. Irgendwie bewegen wir uns in Richtung "Neuzeit";o).

S ein Trainer bezeichnete The Tetrarch respekt- und liebevoll als "Freak"! The Tetrarch war auch ein Freak - alles war an diesem Hengst anders. Mutter Natur hatte mit dem schlaksigen Kerl viel Schabernack getrieben und tarnte den Hengst geschickt. Die "Erdmutter" verpasste ihm eine unvollblutliche "Haartracht", stattete ihn aus mit einer nichtssagenden Abstammung und täuschte fast alle mit dieser Tarnung über seine Riesenveranlagung. Aber es gibt fast immer jemanden, der sich nicht täuschen lässt. Dazu die Ausführungen Atty Persses , seines Entdeckers und Trainers, aus dem Jahre 1922:

"... als ich mich in England als Trainer niederließ, erhielt ich sofort die Pferde meines Vetters Major McCalomint in Training. Für ihn kaufte ich bei der Jährlingsauktion in Doncaster einen im Haar damals noch dunklen Schimmel mit weißen Flecken am Oberkörper, die wie Kalkspritzer aussahen. Sein Name: The Tetrarch.
Eine dröhnende Lachsalve begrüßte ihn, als er den Ring betrat. ‚Ein ulkiges Luder!' und ‚Schaukelpferd!!' lauteten die Urteile, die Kenner über ihn fällten. Und als mir der Zuschlag erteilt war, kam ein Ire teilnahmsvoll zu mir, klopfte mir auf die Schulter und meinte: ‚Mach dir nichts draus, Atty - das wird noch ein mal ein gutes Jagdpferd und dir sicher gut stehen, wenn du im roten Rock oben sitzt!'
Aber ich nahm die ganzen Witzeleien nicht tragisch, war mir doch gleich aufgefallen, dass der Hengst einen mächtigen Schritt im Leibe hatte, wobei seine Hinterhufe immer einige Zoll über die Spuren der Vorderhufe hinaustraten - eins der besten Zeichen für ein Rennpferd.
Später haben mir dann mindestens hundert Menschen versichert, dass sie das vorletzte Gebot auf das ‚Schaukelpferd' abgegeben hätten - und jeder von ihnen beklagte sein Pech, nicht weitergeboten zu haben!
Im Verlauf des nächsten Winters gab ich Tetrarch nur leichte Gesundheitskanter, was für ihn zweifellos das richtige war. Sein Temperament, ohnehin sehr viel besser als das der meisten Pferde meines Stalls, blieb auch bei allen späteren Anstrengungen vorzüglich. Der Hengst war eines jener furchtlosen, kalt veranlagten Pferde, mit denen man alles machen kann, solange man sie nicht überfordert. In meinem Stall wurde er stets mit größter Hochachtung behandelt, und er vergalt uns das mit dem Benehmen eines Gentlemann.
Eine Eigenheit hatte er: Im Schritt blieb er manchmal plötzlich stehen, besah sich die Gegend und sein Reiter konnte ihn dann nicht zum Weitergehen bewegen. Hatte er seine Gegend genügend betrachtet, so setzte er sich selbst wieder in Gang. Auch im Führring von Goodwood blieb er einmal wie angewurzelt stehen und glich so sehr einem an seiner Umgebung interessierten Naturfreund, dass alles lachte.
Im Galopp schien sich sein Rücken zu verkürzen, während seine Beine länger zu werden schienen, und die ganze Partie hinter dem Sattel entwickelte sich zu einem machtvollen Propeller, wobei The Tetrarch seine Hinterbeine so weit vorschleuderte, dass die Hufe weit über die Vorderbeine hinausgriffen. Nur im Renngalopp zeigte er diese Aktion, die dann am schönsten zum Ausdruck kam, während er im Kanter nicht recht zu wissen schien, wo er mit seinen Beinen bleiben sollte. In dieser Art zu kantern lag seine einzige Schwäche, schlug er sich dabei doch ab und zu mit den Hinterbeinen an die Vorderbeine, was ihm schließlich zum Verhängnis wurde. Nachdem der Hengst alle seine Zweijährigenrennen in einem Stil gewonnen hatte wie nie zuvor ein Pferd in England, war er als Dreijähriger nicht mehr herauszubringen."

D as der "kurios" gezeichnete Hengst sich zu den Vorbereitungen seiner klassischen Saison 1914 so verletzte, dass eine weitere Rennlaufbahn ausgeschlossen war, gehört zu den großen Tragödien des Galopprennsports. Viele Jahre noch nach The Tetrarch mehr als dominierender Zweijährigen-Saison wurde oft noch die Frage diskutiert: "Kann ein Zweijähriger mit so einem verheerenden Speed die klassische Distanz bewältigen?" Atty Persse "zog die Fronten klar" und äußerte ganz bestimmt: "... ich glaube nicht, dass er jemals auf irgendeiner Distanz geschlagen worden wäre. Er war ein ‚Freak' und so einen wie ihn wird es niemals wieder geben."

A ls seine beste Tochter wird ohne wenn und aber "The Flying Filly" Mumtaz Mahal angesehen, die Schimmelstute war nicht nur wieselflink auf den Beinen sondern avancierte in der Zucht des Aga Khans zu einer berühmten Familiengründerin. Der beste Sohn des schnellen Tetrarch war Tetratema, ebenfalls mit einem super Charakter ausgestattet. Tetratemas Jockey, der Australier "Brownie" Carslake schrieb in seinen Erinnerungen über seinen Liebling:

"Von allen Pferden, die ich je geritten habe, war Tetratema, der große Sohn von The Tetrarch, mein Favorit. Er besaß beinahe menschliche Klugheit. Außerdem war er eine Rennmaschine in höchster Vollkommenheit. Im Stall war er ruhig und gutmütig, auf der Trainingsbahn benahm er sich sowohl gegen seinen Jockey als auch gegen die mit ihm galoppierenden Pferde stets rücksichtsvoll. Im Rennen vollends hätte ein Mensch nicht klüger handeln können als er. Von dem Augenblick an, wenn das Feld am Start aufgestellt wurde, stand er stockstill und wandte kein Auge von den Bändern. Auch wenn man einen Meter zurück- oder vorgehen musste, blieben seine Augen fest auf die Bänder gerichtet. Seine Nüstern vibrierten dann leicht, seine Augen wurden etwas erweitert, und mit den Vorderbeinen bewegte er sich wie in leichtem, rhythmischen Tanz, den der Jockey im Sattel kaum bemerkte, so fein wurde er ausgeführt. Ohne unruhig zu werden, trippelte er erwartungsvoll von einem Bein aufs andere, das Band konnte ja jeden Augenblick in die Höhe schnellen, und dann ging's los - das wusste er. Es wäre für ihn ganz unmöglich gewesen, am Start Boden zu verlieren oder gar stehen zu bleiben. Aber in diesem Verhalten lag keine Nervosität oder Erregtheit, es war nur der Wunsch, fix und fertig zum Absprung zu sein. Tetratemas größte Freude war das Rennen. Wenn die Bänder hochflogen, war er mit zwei Sprüngen in vollstem Galopp. Das bringen nur wenige Pferde fertig. Er flog zum Ziel! Wenn er den Siegespfosten passierte, stieß er eine Art von langem und tiefem Seufzer aus - es war, als ob er kurz vor dem Ziel einen tiefen, mächtigen Atemzug getan und dann bis zum Pfosten angehalten hätte.
Dieser wahre Pferdegentleman, der allerbeste Zweijährige, den ich je geritten habe, gewann 1919 alle fünf Rennen, alle mit mir im Sattel. Er blieb zweijährig unbesiegt. Nur einmal, in seinem ersten Rennen, kam ihm gleich nach dem Start ein anderes Pferd an seine Gurte. Das andere Pferd, von Steve Donoghue geritten, war etwas schneller vom Start abgekommen, und das merkte sich Tetratema. Es passierte ihm nie wieder. Ohne mich zu schämen, sage ich, dass ich nicht nur stolz darauf war, den Schimmel zu reiten zu können. Ich liebte ihn. Tetratema und die Meilenbahn in Newmarket passten vorzüglich zusammen. Diese gerade Bahn hatte ihre Eigentümlichkeit .Ich meine damit: Auf einigen Bahnen kann man etwa 600 Meter vor dem Ziel, wenn man z. B. auf dem fünften oder sechsten Platz liegt, einmal vorfühlen, wie wir sagen, und feststellen, ob man noch soviel Pferd hat, dass man 200 oder 100 Meter vor dem Ziel vorgehen und siegen kann. In diesem Fall gibt man dem Pferd einen Pull, um seine Kräfte für den Schluß aufzusparen. Ich habe das oft getan. Aber nicht in Newmarket. Dort geht das nicht - ich weiß nicht, warum. Wer in Newmarket gewinnen will, muß vom Start bis zum Finish reiten. Ausruhen gibt's da nicht. Newmarket ist nach meiner Ansicht die prachtvollste Rennbahn der Welt. Sie hat aber diese unerklärliche Eigenschaft. Vielleicht ist das anderen Jockeys nicht so aufgefallen, aber ich habe es immer wieder auf's neue erfahren müssen."

T he Tetrarch war als Deckhengst auch etwas außergewöhnlich. Aufgestellt im Ballylinch Stud in Kildare (Irland) zeigte er sich an der vierbeinigen Damenwelt völlig uninteressiert, es bedurfte vieler Tricks und Kniffe ihn zu seinen Diensten zu bewegen. Aber der Hengst fand diese Aktionen allesamt nur mäßig und wurde zu allem Überfluß zehn Jahre vor seinem Tod im Jahre 1935 auch noch steril. So hinterließ "The Freak" nur 130 Nachkommen, zu denen aber immerhin die berühmte Mumtaz Mahal und besagter Tetratema gehörten.
Außerdem stellte der Hengst die St. Leger-Sieger Caligula, Polemarch und Salmon Trout, sie legen die Vermutung mehr als nahe, dass The Tretrach über die Distanz gekommen wäre. Vielen seiner Nachkommen vererbte er seinen "Höllenspeed" und manch einer seiner Nachkommen gab diese Gabe wiederum weiter. Rund 25 Jahre nach seinem Tod, zeigten die Hengste Pall Mall (geb. 1955, Sieger u. a. in den 2000 Guineas, Lockinge Stakes, Midsummer Stakes, zweiter im Royal Hunt Cup, Besitzerin war übrigens HM the Queen) und Caergwrle (geb. 1965, Sieger in den 1000 Guineas), die beide sehr auf The Tetrarch-Blut konzentriert gezogen waren, den gleichen fantastischen Speed kombiniert mit einer "streng limitierten Ration von Stamina".

Das war die Geschichte eines großen Pferdes, das nachhaltig alle "Experten" Lügen strafte.

D amit niemand auf die Idee kommt, ich hätte alles im Kopf gibt es hier ein Literaturverzeichnis . Hinzugekommen ist ein separater "Altertums;-)-"Statistikteil, der sukzessiv erweitert wird.

Zurück zur Übersicht berühmte Pferde - ihre Geschichten und Legenden.

01.11.2002 © www.kincsem.de