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St. Simon
England, geb. 1881
v. Galopin a. d. St. Angela v. King Tom
Züchter: Prinz Batthany
Besitzer: Herzog von Portland
Trainer: Matthew Dawson

S t. Simon war nicht nur eines der größten Rennpferde des 19. Jahrhunderts, nein - auch als Vererber war der Hengst von einem anderen Stern. Seinerzeit setzte auf St. Simon-Blut eine ähnliche Hatz ein, wie vor ein paar Jahren auf die Nachkommen eines gewissen Northern Dancer. Der schwarzbraune St. Simon zählt zu den bedeutensten Vererbern in der langen traditionsreichen Geschichte der Vollblutzucht und braucht auch keinen Vergleich mit dem legendären Eclipse zu scheuen und auch nicht mit dem "neuzeitlichen" Northern Dancer...

S t. Simons Züchter, der Prinz Batthany war ein eingebürgerter Ungar, der in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts nach England kam und sich sein Gestüt und einen Rennstall aufbaute. Nach kleinen Erfolgen sprang der erste Derbysieg mit Galopin (1875) raus. Seinen züchterisch größten Erfolg erlebte der Prinz nicht mehr. Als sein Galopin-Sohn Galliard im Jahre 1884 in den 2000 Guineas im mitreißenden Finish zu gewinnen drohte, war die Aufregung zu viel für sein Herz. Er brach auf der Schwelle des Speisesaals des Jockey Club tot zusammen.
Im Juli des gleichen Jahres kamen sämtliche Pferde des Prinzen in Newmarket zur Auktion in Newmarket. Für den damaligen Horrorpreis von 1600 Guineas ging St. Simon in den Besitz des Herzogs von Portland über. Eine hervorragende Investitionen - wie sich später anhand von Rennpreisen und der Decktaxen herausstellen sollte. Über die Gestalt des Herzogs von Portland verzeichnen die Quellen, dass er ein außergewöhnlicher junger Mann gewesen sein muß, der zu dem damaligen Zeitpunkt erst fünf Jahre zuvor sein Erbe angetreten hatte, welches ihn durch Fortunas Huld zu einem der reichsten Männer seiner Zeit in England machte. In jener Zeit war sein "Wettverhalten" in den Kreisen des Adels sehr bizarr, der Duke wettete selten und wenn doch und er gewann... dann stiftete er seinen Gewinn für wohltätige Einrichtungen.

S o schrieb der Herzog von Portland in seinen Erinnerungen über St. Simon:

"... am Morgen nach dem Kauf sah ich St. Simon bei der Morgenarbeit, aber es fehlte ihm jede Rennkondition. Im Gegenteil, er war so fett wie ein Mastochse. Matt (Matthew Dawson) ließ ihn knattern, und wir waren beide von seiner Art zu gehen sehr enttäuscht. Er hoppelte wie ein Karnickel, und man hatte Angst, er könne über einen Strohhalm stolpern. Beim Frühstück kam mein Freund Lord Enniskillen an meinen Tisch und erzählte mir, er habe mit dem damals berühmtesten Trainer Robert Peck gesprochen und von ihm gehört, daß Matt und ich von unserem Kauf sehr enttäuscht wären. Wenn dem so sei, wäre Peck bereit, mir St. Simon für 2000 Guineas abzunehmen.
Ich dankte Lord Enniskillen für die Übermittlung des Angebotes, betonte aber, daß ich vor der Fachkenntnis Robert Pecks die größte Hochachtung habe und daher in dem Angebot den besten Rat sähe, das Pferd zu behalten. Wenn er Peck 2000 Guineas wert wäre, so träfe das auch für mich zu.
Aus welchem Grund Fürst Batthany St. Simon für das Derby und für das St. Leger nicht genannt hatte, ist mir im einzelnen nicht bekannt, denn die Lesart, die Nennungen seinen durch den Tod des Besitzers ungültig geworden, trifft nicht zu. Aber St. Angela war bereits 16 Jahre alt, als sie St. Simon fohlte und hatte bis dahin kein gutes Rennpferd gebracht. Das mag der Grund dafür sein, daß der Fürst für St. Simon keine kostspieligen Nennungen abgegeben hatte. Als weiterer Grund kam vielleicht noch hinzu, daß St. Angelas Rennleistungen drittklassig waren.
Ich nannte St. Simon dann für zwei Rennen in Goodwood und fuhr einige Tage vor dem Meeting nach Newmarket, um einem Galopp beizuwohnen, den der Hengst, der inzwischen gute Fortschritte gemacht hatte, unter Fred Archer gehen sollte. St. Simon gewann diesen Galopp mit einem kurzen Kopf - aber hätte Archer ihm den Kopf freigegeben, so hätte er mit 10 Längen gewonnen, obwohl er 61 1/4 kg, seine beiden Gegnerinnen in diesem Trial, Clochette und Fleta, nur 55 1/4 kg und 52 1/2 kg trugen.
In Goodwood gewann der Hengst seine beiden Rennen mit größter Leichtigkeit. Zwei meiner Freunde hatten alles Geld, was sie bei sich trugen oder bei Bekannten auftreiben konnten, auf ihn angelegt - und hatten nach dem Rennen die Taschen voller Goldstücke und Scheine!
Nachdem der Hengst zwei Rennen in Derby und Doncaster überlegen gegen starke Felder gewonnen hatte, schlugen mir Freunde ein Match zwischen St. Simon und einem guten Zweijährigen des Herzogs von Westminster vor, der anfangs Bushey hieß und nach seinem Sieg in den Goodwood Richmond Stakes in Duke of Richmond umbenannt wurde. Die Rennstrecke sollte 1200 Meter, der Einsatz je 500 Pfund betragen.
Ich nahm den Vorschlag an - und das Match bildete bald das Tagesgespräch. Als dann der große Tag anbrach, herrschte beträchtliche Aufregung, und mancherlei Witz wurde gerissen, als das Herzogspaar mit vielen Damen seiner Verwandtschaft, die sämtlich gelbe Blumen oder Schleifen in den Westminster-Farben trugen, auf der Bahn erschien, während ich damals noch jung und unverheiratet war, also nicht über eine mit meinen schwarzweißen Farben geschmückte Garde verfügte.
Im Ring sagte ich zu Matt: "Ich hoffe zuversichtlich, daß wir gewinnen", worauf er entgegnete: "Wie können Eure Gnaden daran zweifeln? Sehen Sie sich doch die beiden Pferde an. Unseres ist ein Rennpferd, das andere aber ein verd... Pony!" Das war insofern nicht ganz zutreffend, als unser Gegner ein sehr gut gemachtes Pferd, wenn auch erheblich kleiner als St. Simon, war. Aber Matthews Begeisterung für ihn war so groß, daß neben ,seinem' Hengst' kein anderes Rennpferd in Frage kam.
Vor dem Aufsitzen hörte ich, wie John Porter, der Trainer des Herzogs, seinem Jockey Tom Cannon folgende Reitorder gab: "Geh' in voller Fahrt los, Tom, und schnür dem anderen Schinder gleich die Gurgel zu!" - was ich an Matt weitergab, der sich nun zu unserem Reiter Fred Archer umdrehte und sagte: "Hast Du das gehört, Fred? Sei also so gut und befolge genau die gleiche Order. Dann weiß ich schon, wie die Sache enden wird."
Der Starter senkte die Flagge - und ehe beide Pferde 400 m gegangen waren, lag St. Simon mit mindestens 20 Längen in Front. Archer ließ dann den Hengst nach Gefallen nach Hause galoppieren und gewann im gewöhnlichen Kanter mit 3/4 Längen gegen den hart ausgerittenen "Duke".
Unmittelbar danach kam der Herzog von Westminster mit seinem ganzen Damenflor zu mir, um mich zu beglückwünschen - aber es waren jetzt nicht mehr so viele gelbe Blumen und Schleifen zu sehen! Matt sagte nach dem Rennen nur kurz: "Das ist der beste Zweijährige, den ich je gesehen habe." Auch ihm sei noch kein Pferd vorgekommen, das so "full of electricity" wäre wie St. Simon.
Im Stall war er nicht so ganz einfach, und es gab eigentlich nur etwas, wovor St. Simon Respekt hatte: einen aufgespannten Regenschirm. Wenn ich mit meinem Gestütsmeister Huby den Hengst in seiner Box besuchte, so steckte dieser seinen Hut stets auf die Spitze seines Spazierstocks, was St. Simon für einen Regenschirm zu halten schien. Dann stand er ganz ruhig und ließ sich betrachten. Hätte - außer seinem Pfleger Lambourn - jemand anderes seine Box betreten, so hätte der Hengst ihn ohne weiteres beim Kragen gepackt und hinausgeworfen.
Aber kehren wir nun zu dem inzwischen dreijährigen St. Simon zurück. Mit der Zeit hatte er sein "Hoppeln" im Kanter völlig verloren, und im Rennen streckte er sich so, daß er über den Boden zu gleiten schien, wobei er mehr einem Windhund als einem Pferd glich. Ich nannte ihn für die Cups in Epsom, Ascot, Newcastle und Goodwood - sämtlich Altersgewichtsrennen, in denen Mr. Lefèvres guter Tristan wohl sein gefährlichster Gegner war.
Im Training zeigte der Hengst sich allmählich etwas uninteressiert und nicht geneigt, über seinen gemächlichen Gesundheitskanter herauszukommen. Da Matt ihm schnellere Arbeit geben wollte, sagte er eines Tages zu Archer, er solle am nächsten Morgen ein Paar leichte Sporen anlegen und sie den Hengst nur nötigenfalls etwas fühlen lassen.
Am folgenden Morgen sahen wir dann, wie Archer zunächst mit anderen Pferden etwa 800 m gemütlich kanterte, jedoch plötzlich wie der Wind dahinflog. Matts ganzes Los passierte, quer durch das Lot eines anderen Trainer schoß - dessen sämtliche Pferde in allen Richtungen auseinander spritzten - und darauf im Nebel verschwand. Wir stießen unseren Pferden die Hacken in die Rippen, galoppierten hinterher und fanden Archer am Ende der Limekilns - zu Fuß, mit St. Simon an der Hand! "Was ist denn hier los?" schrie Matt, "Was ist Dir denn eingefallen?" worauf Archer entgegnete: "Mit Sporen will ich nichts mehr zu tun haben! So schnell bin ich meinen ganzen Leben noch nicht durch die Luft geflogen. Ich hatte ihn kaum berührt, da faßte er das Gebiß und schrammte mit mir ab, daß mir Hören und Sehen verging. Das ist ja kein Pferd, das ist eine Maschine." Danke - ab heute Schluß mit Sporen!"
Im Epsom Gold Cup ging St. Simon alleine über die Bahn und wartete danach bis zum Ascot Gold Cup (4000 m). Als das Feld mit Tristan und Faugh-a-Balagh weit voran, in die Gerade einbog, schloß St. Simon mit den Führenden, die anfangs 40 oder 50 Längen vor ihm gelegen hatten, auf - und damit war das Rennen entschieden. Der Hengst fegte an seinen Gegnern, die plötzlich stillzustehen schienen, vorbei und gewann unter dem jubelnden Beifall der begeisterten Zuschauer mit 20 Längen!
Zehn Tage später spielte St. Simon in Newcastle mit seinem einzigen Gegner und bestritt dann sein letztes Rennen, den über 4200 m führenden Goodwood Cup, in dem er, zum Kurse von 100:7 ,auf', gestartet, den St. Leger-Sieger Ossian im Kanter mit 20 Längen schlug.
Das ist die Rennlaufbahn des nie geschlagenen St. Simon, der 10 Rennen im Gesamtwert von 4826 Pfund über Entfernungen von 1000 bis 4000 m stets im Kanter gewann.
Bei seinen Siegen im Ascot und im Goodwood Cup konnte, wie ich noch hinzufügen will, ein Jockey den Hengst erst dann aufpullen, als er noch 2000 m über das Ziel hinausgaloppiert war. St. Simon erhielt nun ein Jahr Ruhe und begann 1886 seine Beschälertätigkeit, die einen ganz außergewöhnlichen Erfolg hatte, denn es gab wohl kein wertvolles Rennen, das nicht einer seiner Nachkommen gewonnen hätte. An Deckgeldern brachte der Hengst, Vater allein von 10 Pferden, die in insgesamt 17 klassischen Rennen Sieger blieben (Anmerkung von mir: 2 Sieger in den 2000 Guineas, 4 Sieger in den 1000 Guineas, 2 Derbysieger, 5 Oaks- und 4 St. Leger-Sieger), in 22 Jahren 231.400 Guineas ein. Abschließend will ich noch erwähnen, daß sowohl Eclipse als auch St. Simon etwas überbaut waren..."

Soweit die persönlichen Aufzeichnungen des Herzogs von Portland über seinen großen St. Simon und diesen Aufzeichnungen gibt es "fast gar nix" hinzufügen...

S t. Simon zeugte insgesamt 423 Fohlen, die 571 Rennen gewannen und ein Preisgeld von über einer halben Millionen Pfund einheimsten. Der Hengst stand neunmal an der Spitze der Beschälerliste, seine Söhne Florizell II, Persimmon, St. Frusquin, Desmond, William The Third, Petermaritzburg, Rabelais und Chaucer begründeten männliche Linien satt. Beispiele: Tuylar (englischer Derbysieger aus dem Zweig von Chaucer), der amerikanische Rekordler Round Table (Zweig Persimmon), Tesios ungeschlagener Ribot (zweifacher Arc-Gewinner - Zweig Rabelais). Die drei erstplazierten Pferde im Derby 1966 gingen in direkter Linie auf St. Simon zurück. In Deutschland brachte "das heiße St. Simon-Blut" niemand geringeres als die legendäre Zuchtstute Festa ein. Die Nachkommen der St. Simon-Tochter Festino, Fels, Fabula, Faust und Fervor gewannen insgesamt 75 (!) Rennen und 1 630 000 Goldmark. Wobei nicht verschwiegen werden soll, daß sich Festa auf der Rennbahn nicht gerade mit Ruhm bekleckerte, aber in ihren Nachkommen machte sich der Opa wieder mehr als bemerkbar... Blut ist halt ein besonderer Saft!

D er schwarzbraune Hengst ist als Ahne in fast allen Pedigrees enthalten. Sie alle haben den großen St. Simon "drin"... Man O' War, Prunus und damit Oleander, Top Flight, Gallant Fox, Phar Lap, Seabiscuit, Omaha, Hyperion, Schwarzgold, Count Fleet, War Admiral, Citation, Tom Fool, Buckpasser, Swaps, Sword Dancer, Native Diver, Native Dancer, Dr. Fager, Ribot, Northern Dancer, Kelso, Majestic Prince, Forego, Spectacluar Bid, Slew o' Gold, Nijinsky, Dahlia, The Minstrel, Affirmed, Miesque, Alysheba, Go for Wand, Sagace, Slip Anchor, Easy Goer, Silver Charm, Cigar, Lomitas, Belenus und, und, und ...

S ein flammendes Temperament gab St. Simon zum Leidwesen vieler Trainer und Jockeys gerne weiter, die "St. Simons" waren "charaktertechnisch" von ihrem Sire nie weit entfernt.

M att Dawson, der sechs Derbysieger trainierte, erklärte, er hätte in seinem Leben nur ein gutes Pferd trainiert und das war St. Simon.

D amit niemand auf die Idee kommt, ich hätte alles im Kopf gibt es hier ein Literaturverzeichnis . Hinzugekommen ist ein separater "Altertums;-)-"Statistikteil, der sukzessiv erweitert wird.

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01.11.2002 © www.kincsem.de