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Signorinetta
England, geb. 1905
v. Chaleureux a. d. Signorina v. St. Simon
Züchter: Chevalier O. Ginistrelli
Besitzer: Chev. O. Ginistrelli / später Lord Rosebery
Trainer: Chev. O. Ginistrelli

S ollte jemand nun meine geschichtlichen Ausschweifungen vermissen, die gibt es nachzulesen bei Dark Ronald ;o)

E ins ist so alt wie die Pferdezucht überhaupt: jeder Züchter, ob er nun eine, zwei oder zwanzig und mehr Mutterstuten sein eigen nennt, zerbricht sich monatelang den Kopf, martert sein Gehirn mit einem einzigen Gedanken: "Zu welchem Hengst schicke ich meine Stute?" Es werden Abstammungen, Verwandtschaft, Rennleistungen, bisherige Nachkommenschaft der in Frage kommenden Hengste auf das genaueste unter die Lupe genommen. Es wird gefachsimpelt, diskutiert, bis schließlich eine Entscheidung getroffen wird. Der Züchter investiert langfristig, schließlich muß er bis zur Dreijährigen-Saison des geplanten Fohlens vier lange Jahre warten. Erst dann erweist sich, ob sein züchterisches Werk vielleicht gar klassische Lorbeeren ernten kann, ein Fehlschlag oder irgendwas dazwischen war.
Genius Frederico Tesio hat einmal gesagt, daß der Vollblüter ein Tier zum experimentieren sei, dies könnte man getrost als Leitsatz über die gesamte Vollblutzucht stellen. Auf der anderen Seite, gab es in Deutschland jüngst eine Zeit, da wurden beispielsweise Surumu-Stuten besonders gerne zu Königsstuhl entsandt. Mit anderen Worten: man erkennt erfolgreiche Kombinationen und wendet sie auch immer gerne wieder an. Aber hinter der ganzen Geschichte steht immer noch ein Fragezeichen, die Unbekannte X. X könnte neben Umwelteinflüssen, Aufzucht, Training etc. auch für Mutter Natur stehen, "denn der Mensch denkt und die Natur lenkt". Manchmal passieren, eben durch das Vorhandensein der Unbekannten X, ganz wundersame "Klamotten".

D ie Geschichte der Signorinetta ist für mich persönlich eine der nettesten, verrücktesten und in diesem Fall auch eine der widersprüchlichsten und leider auch unvollständigsten in der an vielen Kuriositäten, Sagen und Legenden gewiss nicht armen Vollblutzucht.

Man schrieb das Jahr 1880, da verlegte der aus Neapel stammende Edelmann Chevalier Odoardo Ginistrelli sein Gestüt nach England, Newmarket. Keine schlechte Entscheidung, denn eine seiner mitgebrachten Mutterstuten "Star of Portici" brachte von St. Simon ein Stutfohlen, welches den Namen Signorina erhielt. Diese Signorina entwickelte sich unter der Regie ihres Züchters, Besitzers und Trainers Ginistrelli zu einer Spitzenverdienerin auf der Rennbahn, als Zweijährige gewann sie alle neun Rennen, in denen sie an den Start ging, dreijährig belegte Signorina u. a. den zweiten Platz in den Oaks. Für die damalige Zeit erlief die Stute die enorme Summe von 20.000 Pfund für ihren hocherfreuten Chevalier. 1892 kehrte die feine Lady fünfjährig ins Gestüt zurück ...

Ganz klar, dass Ginistrelli sich auf die Nachkommen seiner Signorina besonders freute. Ginistrelli war manchmal schon sehr extrem, sein ganzes Herz hatte er der anmutigen Signorina geschenkt. Sein Haus in Newmarket hatte er beispielsweise so bauen lassen, dass sein Schlafzimmer neben der Box seines größten Schatzes lag. Von einem Fenster am Kopfende seines Bettes hatte Ginistrelli sein "Mädel" zu jeder Zeit im Auge. Aber trotz aller liebevoller Fürsorge, in der Zucht wollte es überhaupt nicht anlaufen und das, obwohl Signorina immer zu den besten Deckhengsten geschickt wurde. Signorina war einfach nicht zu bewegen anzunehmen (tragend zu werden). 10 Jahre lang hatte Ginistrelli eine Engelsgeduld mit ihr, gab nie auf, hielt eisern an ihr fest und diese "Nibelungentreue" des Besitzers wurde schließlich doch belohnt. Dreizehn Lenze zählte die eigenwillige Dame 1902 als sie ihren Erstling Signorino v. Best Man zur Welt brachte. Der Hengst wurde später übrigens ein sehr gutes Rennpferd (u. a. platziert im Englischen Derby und in den The Two Thousend Guineas) und war auch ein gefragter Vererber in Italien. Wen wundert es, schließlich stellte er für den "Stiefel" sage und schreibe acht Derbysieger. Für Herrn Ginistrelli war der Bann jedenfalls gebrochen und er schmiedete eifrig Pläne. Seinen Liebling wollte er nun zu einen der Top-Hengste seinerzeit entsenden, zu Cyllene (u. a. Vater von vier Derbysiegern). Aber die Rechnung hatte er ohne Signorina gemacht, die Stute hielt zu nächst einmal wieder gar nichts vom "rund werden".

1 904, irgendeines Tages, eines Morgens, fing Signorina für ein paar Minuten auf der Koppel an verrückt zu spielen. Die nächsten Tage, immer zur gleichen Zeit zu früher Stunde, das gleiche Theater. Ginistrelli beobachtete natürlich seinen Liebling genau und fand heraus, dass die Lady immer dann ihre Kapriolen veranstaltete, wenn Charleureux, seines Zeichen ein ehrlicher Handicaper (gewann Cesarewitch) zur morgendlichen Arbeit trabte. Nicht nur Charleureuxs Trainer "verdächtigte" beide Pferde, gewisse Sympathien für einander zu hegen, auch der geschäftige Ginistrelli war davon überzeugt, außerdem waren beide Pferde in ihrer gegenseitigen Vorliebe äußerst hartnäckig. Auch nach fast 25 Jahren England lebte in Chevalier Odorado Ginistrelli immer noch der spontane Italiener und der beschloß vertrauensvoll: "Nun, wenn die Zwei sich lieben, dann soll der "Bund" geschlossen" werden." Die Hochzeit fand statt und es gab keinen glücklicheren Menschen als Ginistrelli als Signorina tragend war.
Das war die erste Version, die es über das Zustandekommen über diesen berühmten "Bund der Liebe" kursiert, dem englischen Buch The Derby von Alastair Burnet entliehen. Die zweite Version ist weiter verbreitet:
Signorina war auf dem Weg zu Isinglass oder Cyllene (hier sind sich die Quellen nicht so ganz einig) zur Bedeckung. An der Hand eines Stalljungen, gefolgt von ihrem Besitzer, der sie bei solchen Terminen erst recht "nie nicht" aus dem Auge ließ, schritt man munter durch die Highstreet in Newmarket. In jener Zeit war es während der Decksaison üblich, dass die "minderen" Deckhengste - arme Socken ihrer schlechten Klasse - die Highstreet auf und ab paradierten. Signorina begegnete Charleureux (zu deutsch ‚der Heiße') und dieser machte seinem Namen alle Ehre. Der Hengst blieb stehen, um den verführerischen Duft der Stute zu prüfen und weigerte sich nur einen einzigen Schritt noch zu machen. Und Signorina? Sie war auch sofort "hin und weg", da half kein Zerren, kein Zureden und bald sammelte sich eine schaulustige Menge um die beiden "Verliebten". Natürlich fand auch in dieser Version die Hochzeit statt.
In einem aber sind sich beide Überlieferungen hundertprozentig einig: Die gesamte englische Turfwelt fasste sich bei dieser Nachricht "klassisch Platzierte & Handicaper bzw. obskurer Hengst gelinde ausgedrückt, an den Kopf. Ehrlich gesagt, die Fachwelt erklärte Ginistrelli ziemlich offen für verrückt.

D as Ergebnis sah man 1905, als Signorinetta ihr Debüt im Stroh gab. Die Experten lachten und spotteten immer wieder über das "Kind der Liebe", aber Signorinetta sollte sie Lügen strafen. Sie wuchs heran, eine niedliche, mit einem zauberhaften Temperament ausgestattete Stute, wie ihre Mutter - eine feine vierbeinige Lady mit raumgreifender Aktion. Zweijährig kam sie insgesamt sechs Mal an den Start, blieb aber fünf Mal unplaciert, bis sie gegen recht schwache Gegner das Criterion Nursey in Newmarket gewann. In ihrem klassischen Jahr wurde die Stute Zweite in den 1000 Guineas und endete darauf in den Newmarket-Stakes unter ferner liefen. Ginistrelli wäre nicht Ginistrelli gewesen, wenn er dieses Ergebnis akzeptiert hätte und beschloß sie trotzdem im Derby an den Ablauf zu bringen.

Am Vorabend des Derbys glaubte niemand, dass Signorinetta nur den Hauch einer Chance auf einen Sieg im Derby hatte. Niemand? Nein, natürlich nicht . Ginistrelli ließ sich nicht abschrecken und überredete seine Freunde seinem Beispiel zu folgen und ein paar Pfund auf seine Signorinetta zu setzen. Übrigens, zu einem Kurs von 100:1! (Im Klartext, wer ein einziges Pfund auf das "Kind der Liebe" setzte, würde im Falle eines Sieges satte 100 Pfund ausgezahlt bekommen!)

DDer nächste Tag - Derbytag!

Favorit war der französische Hengst Sea Sick II (welch unglücklicher Name, zu deutsch: Seekrankheit), vielleicht war Sea Sick II wirklich auf dem Seewege seekrank geworden, denn im Derby landete er außerhalb der Platzierung. Und wer passierte mit zwei netten Längen Vorsprung vor dem Feld als sicherer Sieger den Zielpfosten? Genau, die allseits belächelte Signorinetta mit William Bullock im Sattel! Zweiter war übrigens Primer. Die Menschen, auf der wie immer bis zum Bersten gefüllte Rennbahn, waren wie betäubt "Das konnte doch nicht sein!" "Die Stute hatte das Derby im Lande gehalten!" "Unglaublich - das Kind der Liebe hatte das Derby gewonnen!" Die Menschen, bis auf einen gewissen kleinen Kreis um Ginistrelli, welche sich von ihrer Überraschung schnell erholten, waren wie betäubt, perplex, fassungslos, baff... Erst als Chevalier einen wahren Freudentanz auf der Rennbahn aufführte, seinen Kopf schmückte ein sehr alter Panama-Hut(!), seiner Siegerin förmlich entgegentanzte, löste sich die verblüffte Erstarrung schnell in Wohlgefallen auf und die Epsom-Besucher gaben Signorinetta und ihrem überglücklichen Besitzer einem warmherzigen Empfang.
Nur zwei(!) Tage später sah die Turfwelt die frischgebackene Derbysiegerin erneut am Start und zwar in The Oaks. Hier sah die Sache dann anders aus, Signorinetta startete als 3:1 Favoritin gegen 10 Gegner und wurde dieser Rolle rundum gerecht. Nach dem die Waage geschlossen war, bat König Edward VII Ginistrelli zu sich und gratulierte ihm, dem Züchter, dem Besitzer und dem Trainer, vor den begeisterten Rennbahnbesucher. Mit von der Partie war auch der mittlerweile berühmt gewordene "olle" Panamahut...
Für Chevalier Ginistrelli wurde im Alter von 75 Jahren ein Traum wahr, ein Traum, den Tausende mit ihm heute noch teilen: einmal einen Derbysieger züchten, einmal einen Derbysieger besitzen, einmal einen Derbysieger trainieren ...

Es gibt insgesamt nur drei weitere Stuten, denen dieser Doppelschlag binnen "48" Stunden gelang: 1801 Eleanor, 1857 Blink Bonny und 1916 Fifinella.

Es schien als hätte Signorinetta all ihre ganze Kraft, ihre Schnelligkeit, ihr ganzes Herz in diese Tage komprimiert, es waren jedenfalls ihre Sternstunden, denn sie gewann nach den Oaks nie wieder ein Rennen. Vielleicht hatte die rasche Startfolge der smarten Stute doch den Schneid abgekauft - wer weiß es? Bei dreizehn Starts passierte sie jedenfalls drei Mal als Siegerin den Pfosten.

Ginistrelli verkaufte schließlich seine Derby-Siegerin an Lord Rosebery (Besitzer der Derbysieger Ladas II (1894), Sir Visto (1895) und Cicero (1905), der die zweifache klassische Siegerin mit großen Hoffnungen in sein Gestüt schickte. Signorinetta enttäuschte ihren neuen Besitzer, sie wurde nicht die erhoffte Zuchtperle. Waren es im nachhinein züchterische Fehlschläge, indem seine Lordschaft einfach die falschen Vererber wählte oder wollte Mutter Natur einfach nicht lächeln? Sie wurde u. a. zu Lemberg v. Cyllene, Sieger 1910 im Englischen Derby, zu Thrush v. Missel Thrush, zu Cicero v. Cyllene), zu Son in Law v. Dark Ronald gesandt, brachte sieben Fohlen. Ihre direkten Nachkommen aber wollten alle keine "richtigen" Blitzbirnen werden, sie zeichnet immerhin über ihren Enkel Barneveldt als Ur-Großmutter des Englischen Derbysiegers von 1937 Pont L'Evèque und eine ihrer Töchter brachte den Sieger in der schottischen Grand National. Nach 1921 wurde das "Kind der Liebe" nicht mehr tragend, 1928 starb Signorinetta.

Das war - anskizziert - die Geschichte der Signorinetta, leider ohne richtiges Happy-End. Außerdem würde ich gerne wissen, warum Ginestrelli sein Kleinod verkaufte - vielleicht aus Altersgründen????

D amit niemand auf die Idee kommt, ich hätte alles im Kopf gibt es hier ein Literaturverzeichnis . Hinzugekommen ist ein separater "Altertums;-)-"Statistikteil, der sukzessiv erweitert wird.

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01.11.2002 © www.kincsem.de