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Perdita II
England, geb. 1881
v. Hampton a. d. Hermione v. Young Melbourne
Züchter: Lord Cawdor
Besitzer: Prince of Wales, Gestüt Sandringham (Royal Stud)
Trainer: John Dawson

Z uerst wieder der klitzekleine Ausflug in die Geschichte: 1881 Deutschland, Österreich und Russland schliessen ein Neutralitätsabkommen, der mit Reformen stark liebäugelnde Zar Alexander II. fällt einem Attentat zum Opfer. Sein Nachfolger, Zar Alexander III. setzt die Verfassungspläne seines Vaters leider nicht um und lässt stattdessen die Geheimpolizei Ochrana gründen, welche im gleichen Jahr teilweise die Judenpogrome organisiert. Der seit 1872 im Bau befindliche St. Gotthard-Tunnel wird eingeweiht und in Deutschland gibt es die ersten Ortsfernsprechnetze, die Berliner kriegen kugelrunde Augen, denn die erste elektrische Straßenbahn rattert durch die Straßen. Ein sensationeller Fund in Ägypten: im Tal der Könige findet Emil Brugsch-Bey ein Grab mit 40 ägyptischen Königsmumien. Für Kunstliebhaber ein kleines Schmankerl, 1881 wurde Pablo Picasso geboren. Frankreich richtet die ersten gebührenfreien staatlichen Volksschulen für die "allgemeine" Bevölkerung ein. Der große französische Forscher, der Chemiker und Biologe Louis Pasteur, beendet erfolgreich seine Arbeit an einem Serum gegen die Tollwut. Diese Schutzimpfung zum Segen der Menschheit wurde 1881 das erste Mal verabreicht.

Z wei Siege als Zweijährige standen bei Perdita II in den Papieren, als sie in den Farben ihres Züchters zum Ende ihrer ersten Saison in einem Verkaufsrennen startete. Nach diesem Rennen ging die Fuchsstute für 560 Guineas in den Besitz von David Falconer über. Für ihren neuen Besitzer startete die beständig nach vorn laufende Stute (nur zahlreiche Siege wollten sich nicht einstellen) in vier Rennzeiten 32 mal und kehrte fünf Mal als Gewinnerin heim (Chesterfield Nursery Stakes, Ayr Gold Cup, Liverpool Cup und zweimal das große Chesire Handicap). Die Stute hatte wirklich etwas vorzuweisen, und so wird es wohl ein ewiges Rätsel bleiben, warum Falconer diese talentierte Dame nicht behielt und mit ihr züchtete. An die stets auf Empfang gestellten Ohren von John Potter, dem "Generalhorsemanager" des Prince of Wales (später König Edward III.), war gedrungen, dass die Stute Perdita II zum Preis von 1000 Guineas zu haben sei, Potter war die Stute bereits im Juli dem Liverpool Cup aufgefallen. Bei den December Sales in Newmarket kam es zu dem ersten Kontakt. Potter sah sich später Perdita II gründlich an und fand sie ziemlich eckig, er sah aber auch, dass die Stute gute "Points" hatte und was Perdita II als Zuchtstute wert sein würde, würde die Zukunft erweisen. Es kam zum Pferdehandel... Falconer ging um 100 Guineas runter und "verschenkte" nicht nur ein Vermögen, nein, er brachte sich außerdem um das Vergnügen, ein erkleckliches Stück Turfgeschichte als Besitzer einer der berühmtesten Zuchtstuten der Welt zu schreiben. Gut, das Perdita so einschlagen würde, konnte zu diesem Zeitpunkt niemand ahnen und auch der Prince of Wales wird nicht geglaubt haben, das Potter ihm für schnöde 900 Guineas eine Perle erwarb, die Sandringham berühmt machen würde. Dumm gelaufen für Falconer und der Prince of Wales wird sich bestimmt noch manches Mal vergnügt die blaublütigen Hände gerieben haben. Jahre später brüsteten sich einige Mitmenschen bei diesem Verkauf vermittelnd gewirkt zu haben. Aber Potter hat diesen Gerüchten Zeit seines Lebens immer widersprochen und gesagt, der Deal sei nur zwischen Falconer und ihm und keiner weiteren Person zustande gekommen.

A n dieser Stelle noch ein paar Zeilen über die "Royal Studs",. Im 16. Jahrhundert wurde unter der Herrschaft Heinrichs VIII. das Gestüt Hampton Court gegründet und ist somit älter als die Vollblutzucht selber. Heinrich VIII., Jakob I. und Karl I. waren Anhänger des Rennsports, aber erst Karl II. spielte eine führende Rolle als Förderer. Hampton Courts Tore schlossen sich 1650, im Gegenzug eröffnete Karl II. in Tutbury ein neues Gestüt. Erst Wilhelm III und Maria II führten Hampton Court weiter. 1713 ließ Anna die Anlagen vergrößern. Dann folgten wieder ein paar magere Jahre, denn weder Georg I noch Georg II zeigten großes Interesse, obgleich der Sohn des Letzteren, der Herzog von Cumberland, Eclipse gezüchtet hatte. Aber unter Wilhelm IV. dessen Hauptaugenmerk auf der Zucht lag, erlebte Hampton Court eine neue Blüte. 1837, nach Wilhelms IV. Tod, wurde das Gestüt, bestehend aus 23 Stuten und 4 Hengsten, auseinandergerissen, um 13 Jahre später wieder erneut etabliert zu werden. Königin Viktoria (1837 bis 1901) ließ die Sprösslinge ihrer Zucht allerdings nicht unter den eigenen Farben laufen sondern veräußerte ihre Jährlinge jedes Jahr über Tattersall's. Zu den vielen großen Pferden von Hampton Court aus jener Zeit gehören vor allen Dingen die klassischen Sieger Orlando, St. Albans, Prince Charlie, Sainfoin und Memoier. 1894 schlossen sich die Tore von Hampton Court erneut und die Deckhengste, Stuten samt Fohlen, Jährlingen hielten Einzug in das neu eröffnete Gestüt Sandringham, welches dem Prinzen von Wales gehörte. Bei einer der letzten Versteigerungen Hampton Courts wurde unter den Jährlingen ein Hengst versteigert, welcher noch heute den Kenner mit der Zunge schnalzen lässt: La Flèche.

P erdita II wurde vor allen Dingen mit den von St. Simon abstammenden Söhnen Persimmon (1883), Florizell II (1891, elffacher Gewinner, u. a. Goodwood Cup, Ascot Gold Cup und Jockey Gold Cup), und Diamond Jubilee (1897) weltberühmt. Es möge niemand behaupten, der Blitz schlägt niemals auf der gleichen Stelle zum zweiten Mal ein. Hier sogar noch ein drittes Mal! Mit in diese Auflistung gehört vielleicht noch Sandringham (1896), letzteren "entführten" die Amerikaner aufgrund der Kombination Perdita II & St. Stimon über'n großen Teich.

I hr bester Nachkomme war Persimmon, ein - wie eigentlich fast alle St. Stimon-Abkommen, - sehr temperamentvoller, nicht leicht händelbarer Hengst, aber ein exzellentes Rennpferd. Er bestritt in drei Jahren 9 Rennen: 7 Siege und 2 zweite Plätze schlugen bei ihm zu Buche. Kurios: der Hengst St. Frusquin brachte ihm zwei- und dreijährig (Prince of Wales Stakes) die beiden einzigen Niederlagen bei. Der ebenfalls von St. Simon stammende St. Frusquin wurde aber auch nur zwei Mal geschlagen - von Persimmon... St. Simon-Kinder unter sich.
Ausgesprochen schade war es, das Persimmon nicht an den Start in den 2000 Guineas (Sieger St. Frusquin) gebracht werden konnte, da er dreijährig einfach nicht so früh in die Gänge kam. Der Hengst, als leichter Sieger im Derby (in Abwesenheit von St. Frusquin) und im St. Leger, stand über dem Jahrgang, mit dem Nichtstart in den Guineas ging natürlich die Triple Crown verloren. Weitere Big Points seiner Rennlaufbahn waren die Siege in den Eclipse Stakes, im Ascot Gold Cup und in den Jockey Club Stakes. Seine hervorragenden Leistungen auf der Bahn "brockten" dem Dreijährigen ein Gewicht von 60 1/4 Kilo ein. 1888 nahm er Anlauf auf seine zweite Karriere. Der Hengst schlug als Beschäler mit Pauken und Trompeten ein. In seinem ersten Jahrgang befand sich u. a. die 13-fache Siegerin, die fantastische Sceptre, die in keinem englischen Klassiker geschlagen wurde.
In der deutschen Vollblutzucht nahm Persimmon ebenfalls großen Einfluß. Die Stute Perfect Love wurde 1906 vom Gestüt Waldfried eingeführt und die Stute Pomegranate, die 1907 ins Gestüt Schlenderhan kam, legten viel Ehre für ihren Vater ein. Vorrangig Pomegranate, sie war Mutter von keinem Geringeren als Prunus, welcher durch seinen größten Sohn Oleander unvergessen bleibt. 1908 verunglückte Persimmon bei der Ausübung seiner Paschapflichten tödlich. Diesem großartigen Vollblut wurde in seinem Heimatgestüt Sandringham ein Denkmal gesetzt.

A nders als sein Bruder war Diamond Jubilee als Dreijähriger sehr früh auf den Beinen. Der Hengst mit dem bezeichnenden Namen holte sich standesgemäß die 2000 Guineas, das Derby und das St. Leger des Jahres 1900. Das der äußerst schwierige Hengst, zeitgenössische Beoabachter bezeichneten ihn auch gerne als Schwerverbrecher, überhaupt in den Klassikern starten konnte war Zufall. Denn Diamond Jubilees Umgebung hatte den gegen alles und jeden ständig kämpfenden Hengst gründlichst satt und man hatte sich schweren Herzens zur Kastration entschlossen. Der Tierarzt stand quasi schon Gewehr bei Fuß um "Schnipp" zu machen, als man feststellte, daß der Hengst nur einseitig zu operieren wäre. Puh, nicht nur Diamond Jubilee hatte Schwein gehabt sondern auch die Vollblutzucht. Dieses "kleine Teil" entwickelte sich im Laufe der Zeit so, wie es für die Vollblutzucht unerläßlich ist und durch Taorima (Mutter von Diana-Siegerin Tulipan, Traum, dem Sieger im Großen Preis von Berlin und Träumer, dem Sieger im Großen Preis von Baden) hat Diamond Jubilee seine "Hufabdrücke" auch in der hiesigen Zucht hinterlassen. Diamond Jubilee hatte auch in Bezug auf Menschen seine ganz eigene Meinung, es schien als wenn der Hengst fast alle Jockeys hassen würde, er behandelte sie wie Erzfeinde. Der einzige Zweibeiner, der sich ihm gefahrlos nähern durfte, war sein Arbeitsreiter Herbert Jones, der es irgendwie verstanden hat diesen Teufel zu "nehmen". Der junge Mann verdankt Diamond Jubilee sehr viel, da ein Versuch einen "Fremden" auf den Hengst zu setzen, unweigerlich einen Besuch des selbigen im Krankenrevier zur Folge gehabt hätte, setzte man kurzerhand Jones auf diesen "Stinker" und siehe da, "DJ" - benahm sich einigermaßen zivilisiert und manierlich. Diamond Jubilee und Jones legten eine Riesensaison hin, sie holten sich nicht nur die Triple Crown, die beiden "fuhren" für den Prince of Wales die Siegprämien in den Newmarket-Stakes und in den Eclipse-Stakes ein.
Diamond Jubilee war bestimmt nicht das beste Pferd, das die Triple Crown gewann, aber wenn er seinen Tag hatte, war ein echtes und mutigen Rennpferd. Allerdings verlor der Hengst nach dem Sieg im St. Leger seine feine Form und wurde nie wieder dasselbe Pferd.

R ichard Marsh, seinem Trainer, kann man nur ein ganz großes Kompliment für seine unendliche Geduld und sein ungewöhnliches Verständnis für das Teuflische in Diamond Jubilee zollen. Jeder andere Trainer hätte so ein stets auf Angriff ausgerichtetes Pferd längst "in die Wüste" geschickt.
Nach Beendigung der Rennkarriere wirkte er bis 1906 als Deckhengst in England, in diesem Jahr verkaufte der Prince of Wales den Hengst 30.000 Guineas nach Argentinien, wo er im hohen Alter von 26 Jahren einging.

I nsgesamt brachte Perdita II 9 Fohlen zur Welt, davon stammten allein 5 von St. Simon - 1899 starb Perdita II bei der Geburt ihres letzten Fohlens, der ebenfalls von St. Simon abstammenden Stute Nadejda. Perditas neun "Kinder" gewannen insgesamt 26 Rennen und ca. 72.000 Pfund.

D amit niemand auf die Idee kommt, ich hätte alles im Kopf gibt es hier ein Literaturverzeichnis . Hinzugekommen ist ein separater "Altertums;-)-"Statistikteil, der sukzessiv erweitert wird.

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01.05.2002 © www.kincsem.de