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Kincsem
Ungarn, geb. 1874
v. Cambuscan a. d. Waternymph v. Cotswold
Züchter/Besitzer:: Ernö von Blaskovits
Trainer: Robert Hesp

1874 befand sich Europa gerade in einer friedlichen Phase - bis auf Spanien, wo unter General Serrano ein neuer Bürgerkrieg entbrannte. Der britische Staatsmann und Rennpferdeliebhaber Winston Churchill und Herbert Hoover (amerikanischer Präsident 1929 - 1935) erblickten das Licht der Welt. Der Forschungsdrang kannte keine Grenzen: Morton Henry Stanley brach zu seiner dreijährigen Forschungsreise in den Kongo und zu den ostafrikanischen Seen auf, Junker begann mit seiner Erforschung des oberen Nildeltas. Einige wunderbare Musikstücke fanden in diesem Jahr ihre Vollendung: Johann Strauß komponierte seine "Fledermaus", "Götterdämmerung" - die letzte Oper im Ring der Nibelungen von Richard Wagner wurde uraufgeführt. "Die Moldau" von Friedrich Smetana und das ergreifende "Requiem" von Guiseppe Verdi werden gezeigt. Mutter Natur war in Gönnerlaune und schuf ein ganz außergewöhnliches Pferd. Es gibt Pferde, die sind aus einem besonderen und äußerst seltenen Holz geschnitzt. Solch ein Pferd war die ungarische Stute Kincsem. Sie war einfach unglaublich, trat in vier Jahren in 54 Rennen an und wurde nie besiegt. Mit dieser phantastischen Leistung triumphiert Kincsem noch heute über alle Vollblüter der Welt. Selbst ungeschlagene Cracks wie Eclipse (mit 18 Siegen - übrigens, diesen Rang teilt sich der Hengst mit dem 1970 in der Türkei geborenen Karayel), der kleine große Ribot, Ormonde, Prestige - alle "nur" 16 Siege, verblassen neben ihr. Sie ist und bleibt unerreicht, "a class of his own"

W aternymph wurde als Vierjährige von Ernö von Blaskovits gekauft, der damals mit 20 Jahren noch ein sehr junger Mann war, sich aber bereits im großen Stil als Züchter betätigte und auch schon ein ausgezeichneter Pferdekenner war. Am 17. März 1874 wurde nach Cambuscan ihr zweites Fohlen im ungarischen Nationalgestüt Kisber geboren. Das war die abzeichenlose und durch große- braune Flecken auf der Kruppe gekennzeichnete Fuchsstute Kincsem, die eine der berühmtesten Stute der Welt wurde.

H err von Blaskovits pflegte alle seine Jährlinge als Lot zu verkaufen. Die großen Rennstallbesitzer seiner Zeit kamen einer nach dem anderen zu Besuch auf sein Gestüt Tapioszentmarton, 1875 befanden sich dort sieben Jährlinge, zwei Hengste und fünf Stuten. Baron Alex Orczy war einer der ersten Käufer, der erschien. Als Blaskovits für die sieben Jährlinge zusammen 7000 Florins (etwa 700 Pfund) forderte, zögerte er nicht, zuzuschlagen. Er weigerte sich aber, Kincsem und eine andere Stute zu übernehmen, da er meinte, die beiden sähen zu gewöhnlich aus. Der Name Orczy, der dann durch die Bücher der Autorin von "The Scarlet Pimpernel" (Baronin Orczy) weltberühmt wurde, hätte rund 40 Jahre früher durch Kincsem noch wesentlich bekannter werden können; aber da Orczy sie nicht nahm, behielt Blaskovits die beiden Stuten im eigenen Besitz, um sie laufen zu lassen und die magere, langbeinige Dunkelfuchs-Jährlingsstue entwickelte sich unter der Obhut von Robert Hesps zu einem schönen Pferd von 161 cm Höhe und bester Verfassung.

K urioserweise gab Kincsem ihr Rennbahn-Debüt nicht in Ungarn sondern in Deutschland, nämlich am 21. Juni 1876 in Berlin-Hoppegarten. Die weiteren Stationen als Zweijährige waren Hannover, Hamburg, Doberan, Frankfurt, Baden-Baden, Sopran und Budapest in Ungarn, Wien und Prag in Österreich. Jeden Start münzte sie in einen überlegenen Sieg um. In der damaligen Zeit war das ungarische Rennsystem ein Abklatsch des englischen. Die 2000 Guineas wurden in Pozony (jetzt Bratislava / deutsch Preßburg) gelaufen, die 1000 Guineas und die Oaks in Budapest. Kincsem gewann alle klassischen Rennen. Man bedenke, diese Rennbahnen waren über ganz Mitteleuropa verstreut und die Transportverhältnisse damals recht primitiv. Aber Kincsem liebte das Reisen in der Eisenbahn über alles. Gute Pferde, die sich bei Reisen aufregen, haben dadurch viele Rennen verloren. Andere Rennpferde wären damals wie heute unter diesen Belastungen nicht annähernd zu solchen Leistungen fähig. "Kincsi" muß ein Nervenkostüm, ein Gemüt vom anderen Stern gehabt haben.

E s gibt nur wenige Pferde, die durch ihre Vorliebe für Reisen in der Eisenbahn bekannt geworden sind. Sobald Kinscem den Waggon entdeckte, wieherte sie. Dann betrat sie langsam und ruhig den Wagen und legte sich nach wenigen Minuten hin, allerdings nicht, bevor ihre beiden besten Freunde, die berühmte Katze und ihr Pfleger, Frankie, ihre Plätze im gleichen Wagen eingenommen hatten. Nur wirkliche Klassepferde haben derart menschliche Allüren. Der ausgezeichnete The Tetrarch war einer von ihnen, wie Steve Donoghue einmal erzählte. Die noch damaligen Zeitgenossen von Kincsem aus Ungarn konnten nicht genug Geschichten über die "damenhafte Eitelkeit" erzählen, die für Kinscem charakteristisch war. Sie war ungeheuer eitel, aber doch alles in allem eine treue Seele.

N ach ihrem großartigen Sieg im Goodwood Cup (die Briten gaben ihr danach den Namen "das ungarische Wunder") in England wurde die vierjährige Kincsem nach Deauville gebracht. Nach dem Ausladen weigerte sie sich zum erstenmal in ihrem Leben, in den Waggon hineinzugehen. Ihre Lieblingskatze war verschwunden, wahrscheinlich weil sie noch Ratten auf dem Schiff jagte. Zwei Stunden stand Kincsem auf dem Kai vor dem Waggon und wieherte laut nach ihrer Katze. Als diese schließlich ihre Stimme hörte, raste sie zu ihr und sprang auf ihren Rücken. Darauf ging Kincsem ruhig in ihren Waggon und legte sich nieder. Sie war eine sehr gutherzige Kreatur. Als sie in einer sehr kalten Nacht feststellte, daß Frankie keine Decke hatte, zog sie ihre eigene herunter und legte sie auf den schlafenden Pfleger. Kincsem, die am Tage niemals eingedeckt wurde, erlaubte seitdem nicht mehr, daß ihr des Nachts eine Decke aufgelegt wurde. Selbst wenn Frankie sich in der Box mit drei Decken zudeckte, zog sie stehts ihre eigene herunter und warf sie auf ihn.

Kincsem war nach jedem Sieg ungeheuer stolz. Herr von Blaskovits schenkte ihr nach ihrem Sieg stets einen Blumenstrauß. Sie bestand jedesmal darauf, daß die Blumen an ihrer Trense festgemacht wurden. Einmal hatte sich Blaskovits einige Minuten verspätet, und Kincsem wollte nicht zulassen, daß sie ihr Jockey absattelte, bis ihr Blaskovits, ganz außer Atem vor Eile, den Blumenstrauß gegeben hatte. Kincsem wußte genau Bescheid, worum es im Rennen ging, sie wußte auch, daß sie die Königin der Königinnen war. Am Start brachte sie ihren Jockey oft zur Verzweiflung; denn sobald sie am Start ankam, begann sie zu grasen und sich Gänseblümchen zu suchen, die sie besonders liebte. Dann begann sie mit ihren langen und großartigen Galoppsprüngen zu laufen; sie wußte genau, wo der Zielpfosten war. Sobald sie ihr Rennen gewonnen hatte, fiel sie von sich aus in einen ruhigen Kanter, dann in Trab und begab sich zur Waage. Oft verlor sie am Start mehrere Längen, gewann aber immer mit überlegender Leichtigkeit. Alle ihre Rennen (hierbei auch fast alle klassischen Dreijährigenrennen Österreichs und Ungarns) gewann sie im Kanter, mit Ausnahme eines Rennens, in dem ihr Jockey einen großen Fehler (angesichts ihrer Überlegenheit hat er die Stute vor dem Pfosten ein wenig zu früh austrudeln lassen). Das war im Großen Preis von Baden 1877, den sie im toten Rennen gegen Graf Henkels Prince Giles gewann. Im Entscheidungslauf siegte sie dann leicht mit 5 Längen.

T rotz ihrer Vorliebe für Reisen lehnte Kincsem fremden Hafer und fremdes Wasser strikt ab. Wenn man in alten Zeitungen stöbert, kann man in The Sportsman von 1880 einen langen Artikel über den wundervollen Hafer finden, der auf den Gütern des Herrn von Blaskovits wuchs. Kincsem weigerte sich grundsätzlich, anderen Hafer zu fressen, und auch Wasser mußte auf allen ihren Reisen mitgeführt werden. Als in Baden-Baden das Wasser ausgegangen war, trank Kincsem tagelang keinen Tropfen, so daß nicht nur ihr Erfolg, sondern überhaupt die Möglichkeit ihres Starts in Frage gestellt war. Glücklicherweise fand man am dritten Tage in einer alten Quelle Wasser, das einen ähnlich erdigen Geschmack hatte wie das Wasser in Tapioszentmarton.

D er Kaiser und König Joseph (1848 - 1916), der selbst ein guter Reiter war, die Kaiserin Elisabeth, wurde sogar als die beste Reiterin der Welt angesehen, hatte große Freude am Hindernissport und beehrte selten Flachrennen mit seinem Besuch. Das Derby war eine Ausnahme. Gewöhnlich überreichte er seinen wundervollen Ehrenpreis dem Züchter, nicht dem Besitzer des Siegers. Die andere Ausnahme war, wenn Kincsem lief. Franz Joseph war stolz darauf, daß einer seiner Untertanen Züchter und Besitzer des "Ungarischen Wunders" war.

N ach jedem Sieg befahl der Kaiser Blaskovits in seine Loge und beglückwünschte ihn. Ivan Szapary, der berühmte ungarische Reiter, Freund Ernö von Blaskovits und Manager von dessen Rennstall, beschrieb die Stute: "Kincsem war eine ungefähr 16 Faust große, lange, starke Stute, auf den ersten Blick nicht sehr gefällig, schon wegen ihrer schmutzigen Dunkelfuchs-Farbe und der hellen Beine. Außerdem war sie hinten höher als vorne. Aufgrund ihrer außerordentlichen Ruhe strahlte sie gar nicht die riesige Kraft aus, die in ihr wohnte. Wenn wir aber anfangen sie zu analysieren, kann jeder Pferdekenner nur ihre Teile bewundern. Kopf und Hals sind gut, das Schulterblatt lang und steht sehr schräg. Die Oberarme sind äußerst stark bemuskelt, die Beine unter den Knien kurz, die Fesseln gut, die Hufe hart. Sie hatte tiefe und gewölbte Rippen. Ihr Rücken ist lang und stark, und - was besonders schön ist - die Ellbogengelenke stehen ganz frei vom Brustkorb ab, was ihr auffallend freie Bewegung gibt. Darum geht neben ihr jedes Pferd im schnellen Galopp einfach verloren, und darum sieht es im schnellsten Galopp so aus, als würde sie ganz ruhig laufen, während die anderen sich anstrengen und bemühen; je mehr sie das tun, desto mehr bleiben sie hinter ihr zurück."

K incsem starte 2jährig 10x, 3jährig 17x, 4jährig 15x und 5jährig 12x. Herr von Blaskovits war ein Freund der harten Auslese und wollte die Stute eigentlich noch ein Jahr länger im Rennstall belassen, aber Mylady ging im Training im Frühjahr 1880 lahm und musste so ihre Rennkarriere vorzeitig beenden und zurück ins Gestüt. Dort hatte Kincsem nur eine kurze aber erfolgreiche Laufbahn (von 1880 bis 1887). Sie hatte sich bei der Geburt ihres letzten Fohlens eine Lungenentzündung eingefangen, dazu kam eine Darmerkrankung. Sie starb an ihrem 13. Geburtstag, am 17. März 1887. Sie hinterließ drei Töchter und zwei Söhne. Kincsems Töchter und deren Nachkommenschaft gewannen in Österreich, Ungarn, Italien, Frankreich und Deutschland insgesamt 41 klassische Rennen und etwa 30 Ehrenpreise. Kincsems Nachkommen gründeten berühmte Familien, nicht nur in Ungarn, sondern in ganz Europa. Rund 90 Jahre nach ihrem Tod diagnostizierte an ihrem im Landwirtschaftlichen Museum Budapest aufgestellten Skelett Dr. Decsö Feher Knochenaufreibung am rechten inneren Sprunggelenk - Spat - hatte die Rennkarriere der großen Kincsem beendet. In Deutschland wird der Name Kincsem als dreimalige Siegerin im Großen Preis von Baden unvergessen bleiben. Das Örtchen Iffezheim, welches die Meetingbahn beherbergt, bewies der Ungarin seine Referenz durch die Kincsem-Straße dergleichen geschah meinem persönlichem Rennpferd des Jahrhunderts: dem Schlenderhander Oleander, Sieger im Großen Preis von Baden 1927 bis 1929, ihm ist die Oleander-Straße gewidmet.

E ins ihrer Kinder wird heute noch gerne als Beispiel für trefflich gelaufene Buchmacherwetten herangezogen. 1882 fohlte Kincsem ihren ersten Nachkommen, ein Stutfohlen von Buccaneer in einem Wagoon auf dem Bahnhof von Buda. Herr von Blaskovits gab der Stute den Namen Budagyöngye (Perle von Buda) und schloß kurz darauf bei dem Wiener Buchmacher C. H. Lehmann folgende Wette ab: 1000 Gulden auf den Sieg des Stutfohlens drei Jahre später im Deutschen Derby. Herr Lehmann nahm die Wette an und gab ihm einen Kurs von 1000:1 - also hunderfaches Geld im Falle eines Sieges. Budagyöngye wurde ein leidliches Rennpferd und war beileibe nicht Derbyfavoriten, mit ihren Leistungen schmummelte sie sich so durch. Aber sie hatte die robuste Gesundheit ihrer Mutter geerbt, ihre Gegner im Derby wurden nach und nach krank oder wurden mit leichteren Aufgaben betraut. Die "Perle von Buda" gewann ihrem Besitzer nicht nur das Derby sondern auch einen Wettgewinn von 100.000 Gulden (=200.000 Goldmark). Herr Lehmann zahlte anstandslos die große Summe aus, die manch anderen Buchmacher wohl in den Ruin getrieben hatte - es liegt wohl mehr als nahe: Herr Lehmann hatte "abgeworfen".

I n Deutschland wurde Kincsems Blut vor allen Dingen in Röttgen verankert (Wacholdis, Waldcanter, Wettcoup, Wacusta, Wicht sowie die Waldcanter-Söhne, die alle auf Kincsems Urururenkelin Winnica zurückgehen). Warum Mutter Natur gerade über Kincsem ihr Füllhorn ausschüttete, bleibt den Experten ein Rätsel. Über die Rennleistungen ihrer Eltern ist dem nicht beizukommen, die waren ziemlich mau. Blättert man weiter im Pedigree vereinigen ihre Großväter Newminster und Cotswold die zur damaligen Zeit besten Blutlinien, die - in welchem Mischungsverhältnis auch immer - bei Kincsem wieder hervortraten und sie zu einem Rennpferd heranreifen ließ, was auch heute noch seinesgleichen sucht.

D amit niemand auf die Idee kommt, ich hätte alles im Kopf gibt es hier ein Literaturverzeichnis . Hinzugekommen ist ein separater "Altertums;-)-"Statistikteil, der sukzessiv erweitert wird.

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01.11.2002 © www.kincsem.de