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Humorist
England, geb. 1918
v. Polymelus a. d. Jest v. Sundridge
Züchter: Mr. Jack Barnato Joel
Besitzer: Mr. Jack Barnato Joel
Trainer: Charles Morton

A uch wenn es vielleicht den einen oder anderen Leser nicht interessiert, hier wieder ein kurzer Streifzug durch die Weltgeschichte: 1918 - in Europa tobte immer noch der I. Weltkrieg. US-Präsident Woodrow Wilson verlas vor dem Kongress ein 14 Punkte-Programm über Kriegsziele und Friedensbedingungen der Entente. Er reagierte damit auf die anhaltende Uneinigkeit der Alliierten über ihr gemeinsames Vorgehen.
Mit Hilfe der Araber schlugen die Briten türkische und deutsche Truppen in Palästina (seit 1517 in osmanischer Hand) zurück. Das riesige Osmanische Reich lag in den letzten Zügen, endgültig zerfiel es 1922.
Wahlrechtsreform in England, Frauen über 30 Jahre (!) dürfen aktives und passives Wahlrecht ausüben.
In Deutschland wurde der gesetzliche Achtstunden-Arbeitstag eingeführt.
In Polen wurde Jósef Pilsudski erster Präsident (bis 1922).
Die nationalistische, republikanische "Sinn-Fein"-Partei erhält von 103 irischen Sitzen im britischen Parlament 75.
Am 28. Oktober wurde in Prag die Tschechoslowakische Republik gegründet. An ihrer Spitze standen die Tschechen Tomás Garrigue Masaryk als Staatspräsident, Karrel Kramár als Ministerpräsident und Eduard Benes im Amt des Außenministers. Einziger Slowake in der Regierung war Milan R. Stefánik, der den Posten des Kriegsministers bekleidete.
Am 9. November dankte Kaiser Wilhelm II. ab, das Ende des Kaiserreiches. Die Republik wurde um 14:00 Uhr von Philipp Scheidemann ausgerufen, Reichskanzler Prinz Max von Baden ernannte den Sozialdemokraten Friedrich Ebert zum Kanzler und trat selbst zurück. Am 11. November wurde in einem Eisenbahnwagon im Wald von Compiègne von dem Reichstagsabgeordneten Matthias Erzberger die Waffenstillstandsbedingungen unterzeichnet. Der furchtbare Erste Weltkrieg, der Millionen Menschenleben gekostet hatte... endlich vorbei.

W enn die Geschichte der Signorinetta eine der liebenswertesten ist, dann ist die Geschichte von Humorist leider eine der traurigsten. Denn in der Geschichte dieses Pferdes liegen Triumph und Tragik nah beieinander.

D er mit einer markanten Blesse gezeichnete Humorist hatte eine feine Abstammung vorzuweisen, sein Vater Polymelus war fünffacher Championvererber, ein Sohn des großen Cyllene. Seine Mutter Jest hatte klassische Lorbeeren mit ihren Siegen in den One Thousand Guineas und den Oakes geerntet. Wenn wundert es da, dass sein Züchter Jack Joel, der sein Glück in Süd-Afrika gemachte hatte, große Hoffnungen hegte. Der Hengst wurde ins Training zu Charles Morton in Wantage (Berkshire) gegeben, wo er sich gut anließ.
Aber Zeit seines Lebens gab Humorist seiner Umgebung Rätsel auf, mal sah er aus wie das blühende Leben, mal bot er ein Bild des Jammers, als stünde eine gefährliche Krankheit zum Ausbruch an, die dann doch nicht ausbrach. Ähnlich verhielt der Hengst sich auch im Rennen, mal kämpfte er bis zum Umfallen um den Sieg, ein anderes Mal steckte er einfach auf. Er war zweifelsohne ein sehr gutes Pferd, zwar nicht groß von Statur, aber mit einem ehrlichen und lieben Charakter, dessen war man sich sicher. Aber schlau wurde man aus ihm deswegen noch lange nicht. Das der manchmal recht verspielte Humorist ein riesiges kämpferisches Herz hatte, dessen wurden alle erst später gewahr.

B ei seinem Debüt als Zweijähriger gelang dem Hengst ein verwirrender Erfolg, seine Gegner hatte er über fünf Furlongs (ca. 1000 m) kontrolliert, dann kam Humorist in Schwierigkeiten und rettete sich gerade noch so mit einem Kopf Vorsprung über die Ziellinie. In den Champagner Stakes lieferte er ein ähnliches Rennen, wurde aber dieses Mal mit einer Länge von Lemonora geschlagen. Es folgten zwei schöne Siege in den Buckenham (Post Produce) Stakes und in Clearwell Stakes in Newmarket. Seine Zweijährigen-Kampagne beendete der Braune mit einem zweiten Platz zu Monarch im Middle Park, wo er sich bis zum Zielpfosten nicht geschlagen geben wollte.

D reijährig startete Humorist direkt in den Two Thousand Guineas, wo er als 3-1 Favorit abging. Humorist marschierte in großartiger Haltung, aber eingangs der Zielgraden konnte man förmlich zu sehen, wie er immer schwächer wurde, regelrecht "einpackte" und schließlich als Dritter zu Craig an Eran und Lemonora über die Ziellinie lief. Zweifel an seinem Stehvermögen wurden laut, aber Charles Morton war überzeugt von seinem Hengst und erklärte, dass Humorist das Derby gewinnen würde.

L ord Derby hatte sich eigentlich der Dienste von Humorists Lieblingsreiter, Steve Donoghue, für das Derby auf Glorioso gesichert. Aber Steve war fest entschlossen seinem kleinen Hengst die Treue zu halten und ihn im Derby zu reiten. Zudem schätze der Jockey Humorist trotz seines bei manchem Rennen seltsamen Verhaltens höher ein als Glorioso. Lord Derby wollte Steve Donoghue unbedingt im Sattel von Glorioso sehen und erwartete, dass der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Jockey dies als Auszeichnung sehen würde und Joel & Morton absagte. Nur widerwillig und auch ziemlich vergrätzt nahm Lord Derby hin, dass Steve Donoghue lieber 3.000 Pfund Strafe zahlte und zu Humorist stehen würde und seine Lordschaft sich für seinen Glorioso einen anderen Reiter suchen musste.

A n dieser Stelle ein paar Zeilen zu Steve Donoghue, einem der ersten "Monty Roberts" in Sachen Vollblut. Er war eine der Ausnahmeerscheinungen im Galopprennsport mit seiner Hingabe an den ihm anvertrauten Vierbeinern. Oft wurde er auch als Peter Pan des englischen Rennsports bezeichnet. Er liebte seine Pferde und die Pferde liebten ihn, für ihn waren das keine Tiere sondern seine Freunde und seine Freunde gaben für ihn immer ihr Bestes. Sein Beruf war für kein Job sondern eine Passion. Der Australier Brownie Carslake, selbst ein hervorragender Reiter, beschrieb Steve Donoghue: "Stephen kann ein Pferd mit seinem kleinen Finger zur Höchstleistung besser anspornen, als manche Jockeys mit der Gerte."
Steve kam 1884 als Sohn eines Hüttenarbeiters in der Kohlestadt Warrington zur Welt. Niemand hätte gedacht, dass dieser Junge einmal einer der populärsten Reiter seiner Zeit werden würde. Allerdings auf Umwegen, denn seine ersten Siege feierte er in Frankreich und Irland. In England stieg er erst ab 1908 in den Sattel und das so erfolgreich, dass er sich zehnmal hintereinander mit dem Titel Jockey-Champion schmücken konnte.
Seine Lieblingsfreunde charakterisierte Steve so: "Den unvergleichlichen Brown Jack, den alten Kerl, liebte ich wie einen Bruder. The Tetrarch war das schnellste Pferd, dass ich je geritten habe, ein wahres Geschoss in Tierform. Gay Crusader war der Beste. Thisy der langsamste; der Franzose Ramsus war eine verrückte Nuss (1923 beim Goodwood Cup am Start legte der Hengst eine etwa 25 minütige Einlage seines "Rodeokönnens" ein), er hatte von all meinen Pferden das schlechteste Temperament. Diadem war einfach nur ein Traum von einer Stute, mit ihr gewann ich 13 Rennen. (Zuschauer konnten beobachten, wie die Stute nach einem anstrengenden Rennen ihre Nüstern an Steves Hand rieb, mehr wie ein Hund als ein Pferd)." Die "Telepathie", die zwischen Diadem und Steve herrschte, verdeutlichte ein Tag im Jahre 1919 als Steve die Stute in einem großen Rennen mit nur einer Hand ritt, die andere Hand war gebrochen. Steve Donoghue dazu: "Sie schien zu wissen, dass ich verletzt war und sie nicht unterstützen könnte. Diadem hatte außerdem ein ziemliches Gewicht zu schleppen und es war ein verflixt schnelles Rennen. Sie half mir den ganzen Weg, während des ganzen Rennens, sie tat alles. Sie war wie ein Kind, ihre Ohren lauschten auf meine Worte, sie verstand mich ganz genau. Als meine Stimme sie dann aufforderte, alles zu geben, spürte ich wie sie alle ihre Reserven mobilisierte, sich streckte und wir gewannen mit einem kurzen Kopf."

D as ist also der Mann, der am Derbytag in Humorists Sattel kletterte und selbstredend hätte der sich eher einen Arm abgerissen als die Gerte auf den Kleinen niedersausen zu lassen.
An den Vortagen des 1. Juni 1921 hatte es ein wenig geregnet, das Geläuf in Epsom präsentierte sich in allerbestem Zustand. Ein Riesenfeld von 23 Pferden wurde in das Derby geschickt, unter ihnen der ungeschlagene Leighton als 7-2 Favorit. Humorist wurde als dritter Favorit mit 6:1 notiert. An der Startstelle machten einige Teilnehmer soviel Rabatz, das zweimal das Startband in Stücke gerissen wurde. Endlich auf der Reise übernahm der beständige Alan Breck die Spitze, ihm folgte Leighton und dann folgt schon Humorist auf dem Steve mucksmäuschenstill saß. Am Meilenpfosten schloss Lemonora zu den führenden Pferden auf. Alan Breck marschierte weiter, bei Tattenhams Corner griff der französische Hengst The Bohemian an und behinderte Humorist, der gefährlich Nahe an die Rails gedrückt wurde. Humorist und Steve kämpften sich frei. In einem turbulenten Finish gewann Humorist mit einem kurzen Hals vor Craig an Eran das Derby. Steve sagte nach dem Sieg: "Das war das größte Rennen, das je ich geritten habe!"

T rotz der unendlichen Freude, die das ganze Team fühlte, schlich sich sofort Besorgnis ein, denn Humorist zeigte schon im Siegerzirkel Reaktion auf das Rennen, schwitzend, am ganzen Körper bebend mit auf dem Boden gesenktem Kopf stand er da. Eilig herbei gerufene Tierärzte können nichts finden. Charles Morton ließ den Hengst über Nacht noch in Epsom und brachte ihn erst am anderen Tag, als er wieder gut aussah, nach Wantage zurück.

M an plante einen Start in den Hardwick-Stakes. Jedoch am Montag vor Ascot zog sich Humorist bei einem Canter im Training eine Verletzung an einem Blutgefäß zu. Aber er erholte sich wiederum sehr schnell. Am folgenden Samstag war der Maler Sir Alfred Munnings zu Gast, er wollte von dem Hengst ein paar Skizzen für ein Portrait anfertigen. Beim Lunch hatten sich Charles Morton und Sir Munnings zwei Flaschen Champagner einverleibt, Sir Munnings war ein wenig müde geworden und so legte er ein Nickerchen im Schatten eines Baumes ein. Rüde wurde er aus seinen Träumen gerissen, als eine Hand seine Schulter schüttelte: "Aufwachen Sir Munnings! Wachen Sie auf! Humorist ist Tod!" Eine Horrorszene bot sich Morton und Munnings, eine große Blutlache hatte sich auf den weißgekalkten Boden vor Humorists Box gebildet. In der Box, das Bild war grausam. Humorist lag mit dem Kopf zur Boxentür, das obere Ohr zuckte noch, ein Auge offen, der Blick gebrochen. In der ganzen Box, überall Blut, das das kleine Pferd, sich aufbäumend in seinem Todeskampf, verteilt hatte. Diesen furchtbaren Anblick, dieses schrecklich Bild konnte Sir Munnings sein Leben lang nicht vergessen.

D ie Autopsie Humorists löste das Rätsel, dass der Hengst hinsichtlich seines Gesundheitszustandes seinen Betreuern immer aufgegeben hatte. Er war nicht nur an einem massiven Lungenbluten gestorben, der eine Lungenflügel war so von Tuberkulose zerfressen, dass man nun wusste, das der Hengst sein ganzes kurzes Leben durch diese Krankheit schwerstens gehandicapt war. Humorist wurde auf dem Gestüt Childwick Bury von Mr. Joel begraben.

S teve Donoghue über Humorist:

"Ich liebte den kleinen Hengst wie ein Kind. In allen Rennen ritt ich ihn mit der größten Zärtlichkeit, der ich fähig bin. Es war seine Liebe zu mir, die ihn veranlasste, so mutig zu kämpfen und das größte Rennen der Welt mit nur einer intakten Lunge zu gewinnen, die sein unerschütterliches Herz nährte. Er was das tapferste Pferd, das jemals gelebt hat."

D amit niemand auf die Idee kommt, ich hätte alles im Kopf gibt es hier ein Literaturverzeichnis . Hinzugekommen ist ein separater "Altertums;-)-"Statistikteil, der sukzessiv erweitert wird.

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01.11.2002 © www.kincsem.de