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Gladiateur
Frankreich, geb. 1862
v. Monarque a. d. Miss Gladiator v. Gladiator
Züchter / Besitzer: Count Frédéric de Lagrange
Trainer: Tom Jennings
A
nfang des 19. Jahrhunderts wurden die Grenzen und Machtverhältnisse in Europa von Frankreich ausgehend
umgewälzt. Napoleon Bonaparte, anfänglich nach der Französischen Revolution als Befreier empfunden, als Erwecker
des nationalen Selbstbewusstseins gesehen, hielt Europa im Würgegriff und überzog es mit Kriegen gegen die
unterschiedlich variierenden Alliierten, vor allen Dingen lange und erbittert gegen England. Historisch gesehen
waren die Briten und die Franzosen noch nie ein Herz und eine Seele gewesen. Über die Jahrhunderte hinweg
wurde diese gegenseitige Abneigung durch kleine und große Streiterein, politische Ränkespiele, kriegerische
Auseinandersetzungen - erst in Europa, dann in den Kolonien - über unterschiedliche Meinungen in Religionsfragen,
der Etikette, der Lebensweise, kurz - der Widerwille wurde von beiden Seiten gehegt und gepflegt.
E
ngland hatte seinen Ruf als Züchter der "neuen" Rasse Vollblut ausgebaut und war die führende Vollblutnation der
Welt geworden. Englische Pferde waren in allen Ländern die ihre Zuchten noch aufbauten heiß begehrt, ein richtiger
Exportschlager. Selbst die Amerikaner gaben bei ihren Besuchen zu, dass ein englischer Spitzengalopper einem
amerikanischen Spitzenpferd überlegen sei und kauften wie die Franzosen reichlich ein. Diese Vorherrschaft auf dem
Turf erfüllte das Herz der Engländer mit reichlich Nationalstolz. Aber England war nicht unrealistisch, man hatte die
züchterischen Aktivitäten Frankreichs, unter der Federführung Kaisers Napoleons III. jenseits des Kanals im Auge.
Napoleon III. war während seines langjährigen Exils (ab 1815) in England auf den rennsportlichen Geschmack
gekommen und hatte später in Frankreich mit dem Duc de Morny Rennen und Zucht mit finanziellen Mitteln und
reichlich finanziellen und personellen Mitteln gefördert - langsam zeigten sich auch die ersten Erfolge.
M
it besonderem Stolz erfüllte die Engländer das Derby. Diese Prüfung hatte sich zu dem wichtigsten Rennen des
Jahres entwickelt, und natürlich tat die Tatsache, dass dieses Rennen noch nie von "auswärts" gewonnen worden war,
ihr übriges.
Den ersten Vorgeschmack auf mögliche Veränderungen gab es 1864. Die für Frankreich startende Fille de l'Air, im
Besitz des Comte Frédéric de Lagrange (einem Sohn von Napoleons I. General Lagrange) nahm die englischen Oaks
mit über den Kanal.
A
ls erfolgreicher Industrieller hatte der Comte Lagrange das notwenige Kapital im Rücken um sich für seine Vollblüter
zwei Trainingsquartiere zu leisten. Er splittete auf zwischen Compiègne in Frankreich und Newmarket in England. Als
Trainer arbeiteten die Brüder Henry und Tom Jennings für den Comte. Tom Jennings, gebürtig in Cambridgeshire, ritt
in Frankreich und wurde 1851 der Privattrainer des Comte. Sechs Jahre später zog Tom Jennings mit einigen Pferden
in Phantom House in Newmarket ein, um vor Ort die Vollblüter auf die wertvollen englischen Rennen vorzubereiten.
1864 war es dann besagte Fille de l'Air, die die Engländer erstmals schmerzlich zusammenzucken ließ.
T
om Jennings hatte von dem Comte einen rotbraunen, rein französisch gezogenen Hengst namens Gladiateur nach
Newmarket überstellt bekommen. Gladiateur, der als Fohlen böse getreten worden war und unter den Folgen Zeit
seines Lebens litt - daher auch nur die halbe Zeit trainiert werden konnte - wurde von Jennings mit Geduld zu einem
großen Pferd geformt. Gladiateur trat bereits als Jährling erfolgreich unter Seide an. Zweijährig konnte er erst wieder
im Herbst an den Start, er gewann zwei von fünf Rennen. Wegen der immer wieder auftauchenden Lahmheit und der
notwendigen Ruhepausen konnte Gladiateur erst wieder im Frühling, nun als Dreijähriger, ins Renngeschehen
eingreifen. Nur halb in Form gewann er die 2000 Guineas gegen 21 Gegner und die englische Renngemeinde musste
sich wohl oder übel mit der Frage der Besiegbarkeit des englischen Vollbluts auseinandersetzen. War der
Nationalstolz durch den Sieg des Franzosen in den 2000 Guineas schon angekratzt - es sollte noch dicker kommen...
D
as Derby selber wurde durch eine Reihe von Fehlstarts überschattet, wobei der Jockey von Joker, Teddy Sharpe,
zu Fall kam und sich das Schlüsselbein brach. Aber Gladiateur und sein Reiter Harry Grimshaw überstanden das
Getümmel unbeschadet. Harry Grimshaw wusste, sein Gladiateur war an diesem Tag fit and well - bereit das Rennen
seines Lebens zu laufen. Grimshaw hatte unter seinen 29 Gegnern für sich und seinen Hengst nur zwei beachtenswerte
Pferde mit Qualität ausgemacht: Christmas Carol und Eltham. Aber auch die waren Gladiateur nicht
gewachsen: bevor sie die Distanz erreichten, schoß der Franzose heran, überlief die beiden Pferde mühelos, zog
souverän in Front und gewann leicht mit zwei Längen. Die Reaktion der Engländer 1865 ist durchaus vergleichbar mit
dem was sich im Jahre 2000 nach dem überlegenen Sieg der englischen Stute Crimplene im 80. Henkel-Rennen
in Düsseldorf-Grafenberg abspielte: auch hier rührten sich kaum ein paar Hände zum verdienten Applaus. Der Schock
saß bei den Engländern nun um einiges tiefer, zum ersten Mal war ihr Derby außer Landes gegangen - und das gab
dem bereits zitierten Nationalstolz nun einen richtigen Knacks, der Aufprall auf dem Boden der Tatsachen schmerzte
ungemein. Die Franzosen lachten sich eins ins Fäustchen und gaben Gladiateur den Beinamen "Rächer von Waterloo" -
beide Länder hatten die Ereignisse vor 50 Jahre nicht vergessen. Übrigens, Lord Derby, ein Sportsmann durch und
durch, lud Comte Lagrange und Gefolge zu einem großzügigen Dinnerparty ein.
I
m Vollbesitz seiner Kräfte war Gladiateur kaum zu schlagen und er lehrte die Engländer noch richtig das Fürchten.
Zuvor ging der Hengst aber drei Wochen nach seinem Derbysieg über den Kanal um den Grand Prix de Paris zu
bestreiten. Unter dem frenetischen Jubel von 150.000 Franzosen gewann Gladiateur leicht - so ist wohl noch nie ein
Pferd in Frankreich gefeiert worden - vielleicht bis auf Sassafras, der 1970 den großen Nijinsky im Arc
niederrang. Gladiateur kehrte nach England zurück und avancierte mit seinem Dreilängensieg im St. Leger in Doncaster zum
zweiten Triple Crown-Gewinner nach West Australian 1853. Auch dieser Nimbus war zerstört.
S
eine großartigste Leistung vollbrachte der vierjährige Gladiateur im Acsot Gold Cup, der Hengst war angeschlagen,
sein Bein war schlimmer als jemals zuvor. Grimshaw hatte die Order erhalten, äußerst vorsichtig mit dem Pferd zu sein.
Aber nach 300 Metern ging Gladiateur mit riesigen Galoppsprüngen an seinen Gegnern vorbei, zog davon und gewann
als krankes Pferd mit unglaublichen 40 Längen Vorsprung! Unter den deklassierten Pferden war auch die bis dato
ungeschlagene Oaks-Siegerin geschlagenen Regalia. Auch dies eine nationale Demütigung für England.
G
ladiateur blieb in dieser Saison bei sechs Starts auf höchstem Level ungesiegt. Er war ein ungemein hartes
Rennpferd, das sehr vieles wegsteckte. Auch darf nicht das große Können des Pferdefachmannes und Zauberers Tom
Jennings vergessen werden, der Gladiateur immer wieder nach den Zwangspausen groß rausbrachte. Auf der
Rennbahn war Gladiateur eins der besten Pferde des 19. Jahrhunderts, in der Zucht blieb dem Hengst in Frankreich
und England der Erfolg leider versagt und er ging 1876 ein. In Frankreich erinnert das lebensgroße Denkmal
Gladiateurs auf der Rennbahn Paris Longchamp an eine der Sternstunden der französischen Vollblutzucht.
G
ladiateurs Heimsuchung sollte nicht die letzte für die Engländer sein. Elf Jahre später erfolgte der nächste
Paukenschlag eines Nichtbriten, der ungarische Hengst Kisber gewann das begehrte Derby, zwar englisch gezogen
aber die Landesfarben waren die falschen. Zwei Jahre zuvor hatte die berühmte Kincsem den Goldwood-Cup nach
Ungarn geholt. Langsam wird es den Vätern des Vollbluts wohl gedämmert haben, dass solche Niederlagen in Zukunft
wohl unvermeidlich waren. Das schmerzte zwar, aber wer die "Munition" liefert, darf bei Treffern nicht meckern.
Außerdem züchteten die Engländer in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer noch Pferde, um die sie die ganze
Welt beneidete. Aber der vollblütlichen Invasion seitens der Amerikaner und Franzosen ein paar Jahrzehnte später,
stand England fast hilflos gegenüber.
D
amit niemand auf die Idee kommt, ich hätte alles im Kopf gibt es hier ein
Literaturverzeichnis . Hinzugekommen ist ein separater
"Altertums;-)-"Statistikteil, der sukzessiv erweitert wird.
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berühmte Pferde - ihre Geschichten und Legenden.
01.11.2002 ©
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