
Gainsborough
England, geb. 1915
v. Bayardo a. d. Rosedrop v. St. Frusquin
Züchter: Lady James Douglas
Besitzer: Lady James Douglas
Trainer: Alec Taylor jr.
1
915, das zweite Kriegsjahr im Ersten mörderischen Weltkrieg, ein paar Fakten, die bestimmt schon viele vergessen haben:
Bei der Winterschlacht in Masuren wurde die russische Armee vernichtet, 100.000 Menschen gingen in Kriegsgefangenschaft.
Der britisch-französische Angriff auf die Dardanellen schlug fehl und Churchill trat vom Amt des Marineministers zurück. Das
deutsche Kaiserreich unternahm den ersten großen Gasangriff durch Chlorgas an der Westfront. Die noch neutralen USA
erhoben allerschärfsten Protest auf diplomatischem Wege; ein deutsches U-Boot hatte den amerikanischen Ozeandampfer
Lusitania versenkt, der Munition an Bord gehabt haben soll - 1400 Fahrgäste ertranken. Deutsche Luftschiffe griffen London
an, auf Paris fielen ebenfalls die ersten Bomben aus der Luft. "Die Internationale", einzige Nummer einer Antikriegszeitung
von R. Luxemburg, F. Mehring und K. Liebknecht wurde beschlagnahmt. Italien griff in den Krieg ein und erklärte Österreich-
Ungarn den Krieg (1916 gleichzeitig mit Rumänien auch Deutschland).
In Deutschland diktiert der Krieg den Speiseplan und der sieht für breite Bevölkerungsschichten sehr mager aus. Die Masse
der Bevölkerung ernährt sich von Brot und Kartoffeln. Die Klagen über illegale Vorratshaltung, Schleichhandel, Preistreiberei
und Schiebergeschäfte häufen sich. In der Derbystadt Hamburg ist die private Hamburger Kriegshilfe von großer Bedeutung
für die Volksernährung. Im Juni 1915 versorgten 58 öffentliche Kriegsküchen - vorwiegend in den ärmeren Stadtteilen - die
Menschen; im März 1916 speisten 70 dieser Einrichtungen bereits 100.000 Menschen...
Die Männer lagen fast alle an der Front in den Schützengräben, in den vielen Unternehmen herrscht eklatanter
Personalmangel: Frauen sprangen ein und übernehmen "Männerberufe". Sie arbeiteten fortan als Arbeiterinnen,
Schaffnerinnen, Schornsteinfegerinnen, Kutscherin und, und....
Außerhalb Europas: Haiti "gerät" unter die Schutzherrschaft der USA. Jüan Schi-K'ai versuchte die chinesische
Republik durch eine autoritäre Monarchie zu beseitigen. China gesteht Japan Sonderrechte in Shantung, Mandschurei und
Mongolei zu, gleichzeitig erkannte China die Selbstverwaltung der Äußeren Mongolei an.
D
rei Jahre später im Jahre 1918 sah es auch nicht viel rosiger aus und man kann getrost sagen, das Englische Derby war
kein festlicher Tag. Das vierte Kriegsjahr, Mangel an allen Ecken und Enden in Europa. Das Englische Derby wurde bereits
seit 1915 ersatzweise in Newmarket ausgetragen - das englische Militär hatte das Gelände von Epsom beschlagnahmt.
Auch die Pferde bekamen den Krieg zu spüren, der Hafer war rationiert . Im englischen Parlament tobte der Bär in Form von
Pferdenichtliebhabern gegen die Renntage überhaupt. Sie seien eine Verhöhnung der Jungs, die an der Front im Dreck lagen.
Außerdem verursachte der Besuch solcher Veranstaltungen, so wetterten sie im Parlament eine Verschwendung von
Benzin und Transportmitteln. Hm, gegen Fußballspiele und Boxkämpfe wurde kein Einspruch erhoben, müssen wirklich
Pferdefeinde im Parlament gewesen sein. Aber die Galoppfans scherten sich einen Deubel um ihr Parlament, ließen sich
ihren Volkssport nicht vermiesen und pilgerten wie eh und je zu ihrem Derby...
... und erlebte eine Sensation - eine Frau gewann zum ersten Mal das Englische Derby! War ja die Zeit der Frauenbewegung
in England, der so genannten Suffragetten, die zum Teil recht radikal ihr Ansinnen vertraten (Beim Derby 1913 war die
Suffragette Emily Davison aus Protest bei Tattenhams Corner auf das Geläuf gesprungen und hatte im letzten Moment
versucht, den herangaloppierenden Hengst Anmer im Besitz von H. M. King Georg V., irgendwie zu stoppen. Anmer
und sein Reiter Jones hatten keine Chance auszuweichen, prallten mit voller Wucht, mit aller Geschwindigkeit gegen
Emily Davison und kamen ebenfalls zu Fall. Jones brach sich ein paar Rippen, Emily Davison erlag fünf Tage später ihren
schweren Verletzungen im Hospital, am glimpflichsten kam der Hengst davon).
I
nwieweit Lady James Douglas etwas mit dieser Suffragetten-Bewegung im Sinn hatte, weiß ich nicht. Ein altes Foto,
aufgenommen nach dem Derbysieg ihres Gainsborough, zeigt eine Frau, die nichts von der damals vorherrschenden
Mode zu halten scheint und sich selbstbewusst mit Gamaschenschuhen und streng geschnittenem Rock präsentiert. Eine
kecke Querfliege über der Reitjacke rundet das Bild ab.
Lady Douglas stammte selber aus der berühmten französischen Hennessy-Familie (ja, genau die mit dem Cognac;-) und war
in zweiter Ehe mit dem 7. Marquis of Queensberry, Lord James Douglas, verheiratet.
N
un endlich zu Gainsborough...
S
eine Mutter Rosedrop, für die Besitzerin Lady James Douglas der erste Erfolg: die Oaks-Siegerin von 1910, suchte
1914 bereits zum dritten Mal Bayardo, 22fachen Sieger - das beste Rennpferd seiner Zeit, auf. Während die anderen
beiden Sprösslinge der Rosedrop von Bayardo nicht unbedingt Ruhm einheimsten, sollte sich das braune Fohlen
Gainsborough ganz anders entwickeln. Beinahe, aber auch nur beinahe, wäre Lady Douglas nicht in den Genuß
gekommen, den ersten Derbysieger als Frau vom Geläuf abzuholen und im gleichen Jahr Tufgeschichte zu schreiben: Denn
Gainsborough wurde nicht nur Derby-Sieger, nein - der Hengst avancierte auch zum Triple Crown-Sieger, ein Novum
aus der Hand einer Frau;-). Gainsborough war zu kaufen, auf einer Auktion in Newmarket wurde der Jährling mit
einem Reservepreis von 2000 Guineas feilgeboten. Aber die Bieter schauten vorbei oder nicht richtig hin, niemand wollte
den Hengst haben, keiner einer war gewillt den Reservepreis zu bieten.
So behielt Lady Douglas kurzerhand den Hengst und steckte ihn zu Alec Taylor jr. , Heimatsitz Manton, in's Training. Alec
Taylor jr. - sein Vater Alec Taylor sr. trainierte in den Jahren 1851 bis 1887 elf klassische Sieger. Der Apfel fiel nicht weit
vom Stamm - der Sohnemann gehörte in der Zeit von 1905 bis 1927 zu den führenden Vertretern seiner Zunft und holte
insgesamt 21 klassische Sieger vom Geläuf ab. Alec Taylor jr. hatte mit dem 1914 geborenen Gay Crusader - ebenfalls
von Bayordo abstammend - schon eine Granate im Stall, 1917 holte sich dieser Hengst die Triple Crown. Dass
Mister Taylor ein Jahr später diesen Triumph mit Gainsborough wiederholten würde, konnte man zu Beginn der
Zweijährigen-Kampagne des Hengstes nicht ahnen. Als der Hengst sich dann auf's Siegen verlegte, wäre der Gedanke
an eine zweite Triple Crown in Folge wohl ziemlich "frech" gewesen.
N
ach einem nichts sagenden ersten Rennen als Zweijähriger passierte Gainsborough bei den nächsten drei Starts
in Newmarket (der Rennbetrieb war kriegsbedingt ja sehr eingeschränkt) relativ leicht als Erster den Pfosten. Der braune
Hengst nahm z.B. die Autumn-Stakes mit sechs Längen "mal eben" mit. In den folgenden Wochen erreichten aus In- und
Ausland diverse Kaufangebote Lady James Douglas, aber nun stand Gainsborough längst nicht mehr zum Verkauf.
A
ls Dreijähriger absolvierte der Sohn der Rosedrop einen Start in den Several Stakes und marschierte mit einer
Quote von 4:1 als Favorit in die Two Thousand Guineas. Gainsborough holte sich den ersten Klassiker mit einem
anderthalb Längensieg gegen Sommer Kiss, sechs Längen zurück kam als Dritter der Trainingsgefährte Blink
ein. Wie das immer im Vorfeld des Derby auch noch heute gang und gebe ist, die Chancen der Starter werden hitzig
diskutiert, es gab viele Zweifler, viele Experten, die die Meinung vertraten, dass der Hengst Schwierigkeiten mit der
Distanz im Derby haben würde. Die Gerüchteküche brodelte.
Am Derbytag traf Gainsborough zwölf Gegner an, als Favoritin wurde die Stute Zinnova mit 8:1 ausgemacht.
Gainsborough wurde mit 8:13 notiert. Es sollte alles anders kommen.
Eine Meile vor dem Zielpfosten waren King John und Blink dem Derbyfeld mit sechs Längen enteilt, als
Gainsboroughs Reiter Joe Childs in Tattenham Corner richtig Gas gab und die Führung übernahm. Einzig Blink
fightete zurück, wehrte sich und hielt dagegen. Kopf an Kopf stürmten die Taylor-Schützlinge dem Ziel entgegen, rasten die
Gerade runter. Dann die Steigung kurz vor dem Ziel, "der Hügel", Childs agierte auf Gainsborough mit aller Macht,
trieb den Hengst vorwärts, Gainsborough packte an und siegte mit anderthalb Längen Vorsprung. Der zweite
Klassiker im Kasten, spätestens jetzt wird Alec Taylor wohl mit dem Gedanken an die Triple Crown geliebäugelt haben.
B
ereits 14 Tage später sah die Rennwelt den frisch gebackenen Derbysieger im Newmarket Gold Cup am Start.
Gainsborough "vernaschte" die Gegner und schickte u. a. mit den Fünfjährigen Planet und Damelsson
recht profilierte Pferde auf die Verliererstraße. Nach diesem Sieg wurde Gainsborough eine außergewöhnlich
lange Schonzeit verordnet, 12 Wochen sah man den Hengst nicht am Start. Jetzt hatte man endgültig das St. Leger im
Visier und wollte dem Hengst eine Verschnaufpause geben.
Nach der Schonzeit machte sich Gainsborough für das St. Leger mit einem drei Längen-Sieg in den September
Stakes gegen My Dear und Prince Chimay "warm". Dieses Auftaktrennen erwies sich als goldrichtig, denn
Gainsborough trug sich mit dem Sieg im St. Leger in die überschaubare Triple Crown-Liste ein.
Die englischen Triple-Crown-Sieger sind übrigens:
1853 West Australien, England
1865 Gladiateur, Frankreich
1866 Lord Lyon, England
1886 Ormonde, England
1891 Common, England
1893 Isinglass, England
1897 Galtee More, Irland (der später nach Graditz ging)
1899 Flying Fox, England
1900 Diamond Jubilee, England
1903 Rock Sand, England
1915 Pommern, England
1917 Gay Crusader, England
1918 Gainsborough, England
1935 Bahram, England
1970 Nijinsky, Canada
Z
urück zu Lady James Douglas Triple Crown-Sieger. Gainsborough absolvierte noch einen Start in den Jockey
Club Stakes, hier drehte Prince Chimay den Spieß um und schlug den 3 lb mehr tragenden Gainsborough
mit einer Länge. Gainsborough beendete seine Rennkarriere und wurde von seiner Besitzerin als Deckhengst im
Manton Hause Stud aufgestellt. Seine Dienste kosteten den Züchter 400 Guineas, die waren auch gut angelegt, denn der
Hengst wurde zu einem sehr guten Vererber, stellte fünf klassische Sieger, zu seinen besten Nachkommen zählten:
Solario, geb. 1922, gewann u. a. die Princess of Wales Stakes, St. Leger, Coronation Cup, Ascot Gold Cup, war
Leading-Sire 1937, zeichnet als Vater der Derbysieger Mid-Day-Sun (1937) und Straight + Deal (1940).
Una Cameron, geb. 1922, Mutter des Two Thousand Guineas und Derbysiegers Gameronian im Jahre 1937.
Singapore, geb. 1927, Sieger u. a. im St. Leger, Doncaster Cup, Vater des St. Leger-Siegers Culmleigh (1937).
Mah Mahal, geb. 1928, die Tochter der berühmten Mumtaz Mahal, brachte für H. H. Aga Khan III in der Zucht Mahmoud (1936).
Ihr Sohn startete im Derby als Außenseiter und als Schimmel, beides hinderte ihn aber nicht daran a) das Derby zu gewinnen
und b) dabei mal eben neuen Derbyrekord aufzustellen.
Orwell, geb. 1929, gewann acht Rennen, u. a. Champagne Stakes, Middle Park Stakes und The Thousand Guineas.
Aber die vorgenannten wurden alle von dem im Jahre 1930 geborenen Hyperion überflügelt. Lord Derbys
"kleiner-großer" Hyperion Derbysieger 1933, war einwandfrei Gainsboroughs Meisterstück und war einer der
bedeutensten Vererber des 20. Jahrhunderts. Hyperions Geschichte wird ein wenig später "online" gebracht.
G
ainsborough, der fast zwei Weltkriege überlebte, erreichte ein biblisches Alter, wurde 30 Jahre alt, und starb am
5. Juni 1945. Lady James Douglas hat ihn übrigens nie verkauft...
D
amit niemand auf die Idee kommt, ich hätte alles im Kopf gibt es hier ein
Literaturverzeichnis . Hinzugekommen ist ein separater
"Altertums;-)-"Statistikteil, der sukzessiv erweitert wird.
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berühmte Pferde - ihre Geschichten und Legenden.
01.11.2002 © www.kincsem.de