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Exterminator
USA, geb. 1915
v. McGee (1900 GB) a. d. Fair Empress (1899) v. Jim Gore (1884)
Züchter: F. D. (Dixie) Knight (lt. Eintragung) "inoffiziel" Mrs. M. J. Mizner
Besitzer: Willis Sharpe Kilmer
Trainer: Henry McDaniel (und viele andere mehr)

M an kann es drehen und wenden wie man will, ein Pferdekind, das gerade das Licht der Welt erblickt hat, vereinigt normalerweise Attribute wie "niedlich", "süß", "hübsch", "putzig" auf sich. Beim Anblick dieses kleinen Kerls im Stroh lauteten die Kommentare jedoch "Oh, wie häßlich!", "Mein Gott, ist der knochig!", "Wie um alles in der Welt kann bei so einer schönen Stute wie Fair Empress und dem so ansehnlichen Hengst McGee so eine Vogelscheuche von Fohlen herausspringen?", "Hm, sehr unscheinbar!" "Sieh Dir mal seine groben Knochen an!". Wo andere Fohlen nette Rufnamen wie Little Bay, Beauty usw. erhielten, nannte man das arme Fohlen nur spöttisch "Old Bones". Dem Fohlen war es egal. Von den Menschen kaum beachtet, tollte es auf den Koppeln, spielte, fraß, wuchs heran und sein größtes Vergnügen war es, im vollen Galopp so schnell es nur konnte über die Weiden zu fegen, alle anderen hinter sich lassend.

A ls "Old Bones" ein Jahr alt war, brachte man ihn nach Saratoga zur Jährlingsauktion. Aber auch die fünfwöchige Aufpäppelzeit mit speziellem Mischfutter und stundenlanges Wienern und Schrubben konnten aus "Old Bones" keine Schönheit zaubern. Den Auktionsring betrat an der Hand eines Pflegers ein kräftiges, eckiges, grobknochiges und unscheinbar aussehendes Pferd. Durch die Zuschauer ging ein Flüstern, "Schau Dir den an, wie häßlich" "Nix als Knochen!", "Was für eine Mähre!", "Da hat man aber nicht viel anzusehen!". Der Auktionator dachte wohl ähnlich, welche Vorzüge sollte er auch anpreisen und ließ den Hammer bei 500 Dollar flugs fallen. Trotz seiner unscheinbaren Erscheinung hatte sein neuer Besitzer Cal Milam ihn nicht nur gern, er hatte auch große Pläne mit ihm. Er bat seine Frau dem Pferd einen Namen zu geben und behauptete, daß das einmal ein großes Rennpferd würde. Sie möge einen Namen wählen, der zum Ausdruck bringen solle, wie er seine Konkurrenz in Grund und Boden laufen werde. So gab sie ihm den Namen Exterminator, der Name "Old Bones" sollte aber für alle Zeiten an ihm haften bleiben.

Z weijährig passierte "Old Bones" bei fünf Starts zweimal als Sieger den Pfosten. Aber niemand der ihn laufen sah, bemerkte, daß da ein Pferd seine Berufung gefunden hatte, denn Exterminator liebte es nicht, nur mit dem Wind um die Wette zu laufen. Nein, der Klang des Signalhorns, gemessenen Schrittes vor den Tribünen zu paradieren, der Aufgalopp zur Startstelle, das Brausen der Menschenmasse, die steigende Spannung vor dem Start, gelassen und ruhig am Start zu stehen, wartend das die Startflagge nach unten saust, explosionsartig davon zu sausen, sich im Feld einen guten Platz erkämpfen, schneller und schneller zu werden, nicht aufzugeben, dann im Finish alle Kräfte sammelnd und wie von der Bogensehne geschnellt nach vorne zu fliegen... ja, dafür war er geboren. Bei seinem fünften Start ging Exterminator nach einem Sturz lahm und die Saison war für ihn beendet. Den mittlerweile dreijährigen Exterminator kannten nur noch wenige Menschen. Viele, die seinen Namen gekannt hatten, hatten vergessen, daß er jemals gelaufen war. Aber Exterminator hatte nicht vergessen. Wann er auch immer allein in seiner Stallbox den Klang des Signalhorns vernahm, wußte er, da wurde ein Rennen gelaufen, seine Ohren lauschten, er zitterte ein wenig und sein Blick war sehnsüchtig in die Ferne gerichtet. Nein, Exterminator würde niemals vergessen, er wartete....

E s war ein schöner, kühler Frühlingsmorgen, als Exterminator eine seiner Trainingsrunden drehte. Tock-Tock, Tock-Tock, seine Hufe trommelten über die Bahn, er lief aus Freude und Spaß, legte in der Geraden noch einmal zu, es schien, als wolle er immer weiter laufen. Als er angehalten wurde, ging sein Atem leicht und gleichmäßig, seine Ohren spielten vergnügt. Exterminator fühlte sich sichtlich pudelwohl. Seit drei Tagen sah seinem Training ein Mann aufmerksam zu. Das Pferd kannte den Mann nicht. An diesem Morgen folgte der Mann Pferd und Arbeitsreiter in die Stallungen. Das umherwuselnde Stallpersonal begrüßte den Mann mit großem Respekt. "Schönen guten Morgen, Mr. McDaniel!", "Wie geht es Sun Briar, Mr. McDaniel?", "Mr. McDaniel, ein sehr gutes Pferd, der Sun Briar!"

H enry McDaniel war einer der besten Trainer seiner Zeit und er trainierte den wunderbaren Vollblüter Sun Briar, den heißen Favoriten für das Kentucky Derby 1918. Eine Zeitlang fachsimpelte McDaniel mit den Männern, seine Augen waren fest auf das Pferd gerichtet, schließlich folgte er ihm bis in die Box und musterte ihn noch einmal genauer. Er sah ein unansehnliches Pferd mit hervorstehendem Knochen unter seinem kastanienfarbenen Fell. Aber er sah auch die starken Linien seines wohlgeformten Kopfes, die Weisheit und das Verstehen, das aus den großen, weit auseinander stehenden Augen sprach. McDaniel streichelte sanft den Kopf des Tieres, wandte sich dann ein wenig ab und sprach mit dem Pfleger über das Pferd. Exterminator mochte die Streicheleinheiten des Mannes, stupste ihn sacht an der Schulter mit der Bitte um mehr. McDaniel schmunzelte, streichelte ihn wieder und hörte dem Pfleger aufmerksam zu "... ist ein sehr ausgeglichenes Pferd, bis auf den Besitzer hält wegen seines Aussehens keiner was von ihm". McDaniel blieb noch eine Weile, betrachtete "Old Bones" versonnen. Das Pferd knabberte verspielt an seinem Ärmel, es mochte den Klang dieser Stimme. Schließlich gab McDaniel Exterminator einen festen Klaps auf den Hals und sagte ganz leise, daß nur das Pferd ihn hören konnte: "Ich hoffe, ich bin bald zurück. Wünsch mir Glück!" und ging davon.

M cDaniels suchte seinen Boß Kilmer auf, den Besitzer von Sun Briar. Mr. Kilmer war ein sehr begüterter Mann. Er konnte sich alles leisten, was mit Geld zu kaufen war. In diesem Jahr wünschte er sich nichts sehnlicher als Sun Briar im Kentucky Derby siegen zu sehen. Geld konnte diesen Sieg zwar auch nicht erkaufen, aber.... Vor zwei Jahren hatte er den Jährling "Sunday" für 6.000 Dollar erstanden, ihn in Sun Briar umgetauft und in den darauffolgenden Jahren Tausende Dollars mehr für das beste Training, Futter, Pflege, medizinische Versorgung etc. investiert. Kilmer war sicher, dieses Jahr würden seine Farben den Sieg im Derby davontragen! McDaniel schätzte Sun Briar ebenfalls sehr hoch ein. Der Hengst war einer der schnellsten und schönsten Vollblüter, den er jemals trainiert hatte. Sun Briars Sieg im Derby war auch sein Traum. Aber McDaniel war ein rechtschaffener und überaus ehrlicher Mann, manchmal erschreckte er auch mit seiner brutalen Wahrheitsliebe seine Besitzer. Er liebte Pferde und kannte sie genau. Auf einer Rennbahn geboren, hatte er Zeit seines Lebens immer mit Pferden gearbeitet, sein Vater - selbst Trainer - hatte ihm alles beigebracht. Wenn Henry McDaniel ein Pferd ansah, dann ohne jegliche Voreingenommenheit. Er sah nicht, was er zu sehen wünschte oder zu sehen hoffte. Und er sah das Sun Briar nicht gut lief, irgendwas fehlte. "Mr. Kilmer, Sie wissen ja auch, daß Sun Briar nicht so gut arbeitet. Er gibt nicht sein Bestes im Training und läuft nicht so schnell wie er es eigentlich kann. Ich denke, wenn er ein Arbeitspferd neben sich laufen hat, strengt er sich mehr an!"

M r. Kilmer hörte seinem Trainer zu und nickte. Er würde alles tun, um Sun Briar in Top-Kondition zu bringen und bewilligte 600 bis 700 Dollar für den Kauf eines solchen Pferdes. McDaniel wohl wissend, daß das Pferd, das er im Hinterstübchen hatte, für das Geld nicht zu haben war, argumentierte entschlossen dagegen. Schließlich überzeugte er Kilmer, daß für diese Summe kein Pferd zu kaufen war, das mit Sun Briar mithalten konnte. Das Ganze würde dann nur ein Flop werden und nichts bringen. Kilmer ließ sich überzeugen und gab McDaniel freie Hand, Hauptsache Sun Briar bekam das was er brauchte. McDaniel suchte Cal Miliam, Exterminators Besitzer auf und erklärte ihm frisch und frei von der Leber weg seine Absicht. Milam stand dem Verkauf von Exterminator eher ablehnend gegenüber, vor allem als er das Wort "Arbeitspferd" hörte, wurde es unangenehm still. Er fand, das "Old Bones" viel zu schade dafür sei, er hatte eine hohe Meinung vom dem Pferd, nicht umsonst hatte er ihn für das diesjährige Kentucky Derby genannt. Letztendlich nannte er eine Summe zwischen 12.000 und 13.000 Dollar, dann würde er anfangen es sich zu überlegen. Boing! McDaniel mußte ziemlich tief schlucken, Kilmer würde ihn hängen, vierteilen, ertränken, teeren, federn und feuern... Er konnte nicht erklären, wie wichtig dieses Pferd für ihn war. Dieses Pferd wollte er haben und kein anderes. McDaniel "sah" wieder das Pferd vor sich, groß, geduldig, ruhig. Den feinen ausdrucksstarken Kopf, die Augen die immer zu sprechen schienen, "spürte" das sanfte Knabbern an seinem Arm... Zum Teufel, das war das Pferd, das er unbedingt haben mußte. McDaniel redete sich den Mund fusselig und zum Schluß hatte er Exterminator für 9000 Dollar und zwei Jährlingsstuten im Werte von je 500 Dollar gekauft. Der neue Besitzer hieß nun Kilmer, nur der wußte noch nichts davon.

B evor McDaniel Kilmer die Neuigkeiten vorsichtig einflößte, besuchte er "Old Bones". Das Pferd erkannte ihn wieder und wieherte einen Willkommensgruß. Es war mittlerweile Nachmittag geworden und das Signalhorn rief zum ersten Rennen in Lexington. Beim Klang der Fanfare ruckte Exterminators Kopf hoch, seine Ohren spielten, seine Nüstern zitterten, für einen Augenblick vergaß er den vor seiner Box stehenden Mann. McDaniel flüsterte: "Du weißt ganz genau, was die Fanfare bedeutet, nicht wahr? So lange bist Du nicht mehr gelaufen, aber Du erinnerst Dich." Der Ruf des Horns war verklungen, "Old Bones" wandte sich wieder seinem neuen Freund zu, rieb seine Nase zärtlich an der Schulter des Mannes. Liebevoll streichelte McDaniel den Hals des Pferdes und sagte sanft: "Ich hoffe, Du vergibst mir was ich tun werde. Aber Du bist als Arbeitspferd gekauft worden. Aber vertraue mir, Bursche. Wir werden sehen! Als erstes haben Du und ich Sun Briar in Spitzenkondition für das Derby zu bringen. Das ist nun Dein Job. Wir können an nichts anderes als Sun Briar denken. Verstehst Du?!"

K ilmer nahm die "näheren Umstände" über sein neues Arbeitspferd bemerkenswert gelassen auf. Grummelte zwar ein wenig, aber es war das Beste für Sun Briar und außerdem vertraute er seinem Trainer. Am nächsten Tag wurden Sun Briar und Exterminator auf die Rennbahn Churchill Downs gebracht, hier sollte in 14 Tagen das Derby starten und Sun Briar sollte vor Ort seinen letzten Schliff erhalten. Beim Ausladen liefen die Pfleger und Futtermeister zusammen, alle wollten Sun Briar sehen. Der Hengst tänzelte aufgeregt am Führzügel, sein Pfleger hatte alle Hände voll zu tun, den Hengst zu halten. Niemand würdigte den gelassen am Zügel trottenden Exterminator nur eines Blickes. In den Stallungen wartete Kilmer auf seinen Liebling und überzeugte sich, daß Sun Briar auch wirklich gut untergebracht war. Dann sah er Exterminator. "Henry, mein Gott! Das ist doch nicht das Pferd, für das Sie soviel Geld ausgegeben haben!?"

M cDaniel nickte. "Das Pferd muß Sie hypnotisiert haben!" brummte Kilmer. Als er seinen Blick wieder auf Sun Briar richtete, vergaß er das häßliche Arbeitspferd. Niemand konnte die tiefe Freude, die er fühlte als er das schöne Tier betrachtete, nachempfinden. Als er sprach, klang seine Stimme glücklich: "Sie wissen, Henry, der Traum eines jeden Besitzers ist, eins seiner Pferde im Kentucky Derby siegen zu sehen. Dieses Jahr, zum ersten Mal, könnte sich der Traum verwirklichen." Er lächelte. "Mehr als dies, ich glaube wir werden siegen. Ich glaube nicht an Sun Briars Niederlage!"

D as Training. Als erstes verstand Exterminator die Welt nicht mehr, alles war auf einmal so komisch. Da war ein Pferd auf der Bahn neben ihm, aber es war kein Rennen. Niemand interessierte sich dafür wie schnell er lief. Da wurde er von seinem Reiter zurückgehalten, damit das andere Pferd an ihm vorbei lief. Dann durfte er das andere Pferd einholen, aber nicht vorbeiziehen. Was war das denn nu für ein Kram? Spaßig fand er das nicht, nur sehr verwirrend. Aber es machte Klick bei Exterminator und er begriff, daß er Sun Briar motivieren sollte sein Bestes zu geben. Nun gut, das würde nicht einfach werden, aber er würde es versuchen. Exterminator fing an, im Training genau auf den temperamentvollen Sun Briar zu achten, manchmal gab Sun Briar sein Bestes und sie liefen Kopf an Kopf. Oft lief er besser, wenn Exterminator mit ein, zwei Längen hinter ihm lag. Manchmal lief Sun Briar lustlos und kam nur langsam auf die Beine, dann ging Exterminator vorne weg, spornte ihn an, schneller zu laufen und die Führung zu übernehmen oder er legte sich weit hinter ihn, holte langsam auf und bedrängelte Sun Briar schneller zu laufen. McDaniel traute eines morgens seinen Augen nicht und fragte den Arbeitsreiter ob er Exterminator an der letzten Ecke zurückgehalten habe. "Nein, Boß", lächelte der Reiter "Ich erzähle ihm nicht wie er laufen soll, mach ich schon seit Tagen nicht mehr. Es scheint, als wenn er ganz genau weiß, was Sun Briar braucht. Ich lasse ihm seinen Kopf!"

D ann eines morgens sah Kilmer dem Training zu. Sun Briar hatte mal wieder einen seiner lustlosen Tage erwischt und Exterminator hatte beschlossen, ihn weit vorne laufen zu lassen und ihm dadurch Beine zu machen, daß er ihn erst bedrängte und sich dann zurückfallen ließ. Sun Briar lief vor ihm und je mehr Exterminator zurückfiel, um so schneller wurde Sun Briar; glücklich an der Spitze flog er dahin...
M cDaniel sah ein gewaltiges Donnerwetter in Kilmers Augen aufziehen und wünschte sich von ganzem Herzen, er könnte laut schreien: "Nimm die Spitze, mein Junge, nur dieses eine Mal! Lauf Exterminator! Zeig's ihnen!" Er wußte, daß Exterminator an Sun Briar mühelos vorbei laufen könnte, wenn er denn dürfte.
"Henry!" Kilmer hatte einen sehr dicken Hals. "Dieses faule Arbeitspferd kann noch nicht einmal im Training seinen Lebensunterhalt verdienen! Sie müssen verrückt gewesen sein das Vieh zu kaufen. Ich will ihn nicht mehr sehen! Verkaufen Sie ihn!"
McDaniel kämpfte um "Old Bones": "Lassen Sie mich doch erklären, Exterminator ging mit voller Absicht...!"
"ABSICHT!?!?! Nun weiß ich, Sie sind verrückt!"
McDaniel sagte ganz ruhig und bestimmt: "Nein, ich bin nicht verrückt! Exterminator hat Sun Briar vorne gehen lassen, er ....."
"Vorne gehen lassen!" Kilmers Stimme triefte vor Sarkasmus. "Nun, das ist ein Rennpferd! Es läßt andere Pferde vor sich laufen. Er mag es, hinter anderen Pferden zu laufen. Well, ich will ihn nicht in meinem Stall haben. Verkaufen Sie ihn! Geben Sie ihn weg! Holen Sie den Gaul von der Bahn!"
Zeternd und schimpfend verließ Kilmer die Bahn. McDaniel ging zu "Old Bones": "Tja mein Junge. Du Wunder, Du.... setzt uns ins falsche Licht, indem Du das richtige tust." Das Pferd rieb seinen Kopf an der Schulter des Trainers und hörte aufmerksam zu. "Du darfst Mr. Kilmer nicht tadeln. Das Dumme an der Sache ist, der Mann sieht nicht, was er sieht. Der Ärger mit Dir ist, Du bist viel zu smart für die Menschen!"

D er große Tag des Derbys rückte immer näher. 6 Tage, dann 5 Tage, 4 Tage... Exterminator arbeitete weiter mit Sun Briar. Sie hatten bei der Morgenarbeit viele Zuschauer. Kaum jemand nahm Notiz von dem großen, häßlichen Arbeitspferd. Sie sahen nicht was McDaniel sah. Alle Augen hingen an dem schönen Sun Briar, dem großen Favoriten und lobten seine Arbeitsgalopps, sein Aussehen in höchsten Tönen. McDaniel wünschte, er könnte zustimmen. An ihm nagten die Zweifel, Exterminator war jederzeit in der Lage an Sun Briar vorbeizugehen. Sun Briar sah nicht so gut aus, wie er eigentlich sollte. Ihm fehlte das Feuer, die Brillanz, die das Pferd in Topform ausstrahlte. Drei Tage noch bis zum Derby, noch zwei Tage. Es wurde Freitag und am nächsten Tag war das Derby, das Rennen der Rennen. An diesem Freitagmorgen regnete es nicht, es schüttete aus Kübeln, das Geläuf weichte mehr und mehr auf. McDaniel stand an den Rails und beobachtete seine beiden Schutzbefohlenen. Er fühlte sich hundeelend und war zutiefst deprimiert, Sun Briar fehlte manchmal schon auf normalem Boden der Enthusiasmus, aber bei diesem Matsch hoppelte er mehr als lustlos dahin. Trotz seiner Qual, er mußte über "Old Bones" lächeln, der hielt eisern die Spur, zog leichtfüßig voll durch, lief auf diesem morastigen Boden frisch und munter wie immer. Seine Augen wanderten wieder zu Sun Briar und er seufzte tief. Vielleicht lag er mit seiner Meinung falsch? An den Rails, nicht weit von Henry McDaniel entfernt, beobachtete ein weiterer Frühaufsteher den Arbeitsgalopp. Matt Winn, Präsident der Rennbahn Churchill Downs, er hatte seit 1875 jedes Derby gesehen und niemand kannte Vollblüter so gut wie er. McDaniel fürchtete sich, die Frage zu stellen: "Matt, was denken Sie über Sun Briar?" Matt Winn ließ eine Minute vergehen und antwortete dann bedächtig: "Nicht in Form!"

I n den Stallungen: McDaniel beobachtete Sun Briar und Exterminator. Sun Briar war müde, sein Atem ging heftig, seine Flanken pumpten. Es dauerte, bis Sun Briar sich wieder beruhigt hatte. Und Exterminator? Der stand schon wieder putzmunter in seiner Box und machte sich geräuschvoll über sein Futter her. Nichts deutete daraufhin, daß er gerade einen strammen Galopp absolviert hatte. Sun Briar stand lustlos, beleidigt in seiner Box und rührte das Futter nicht an. McDaniel Gesicht wurde immer länger, er ging noch einmal zu Exterminator, der bei seinem Anblick Futter Futter sein ließ und ihn glücklich begrüßte. "Tja, ist nicht Dein Fehler! Du hast mehr als alle anderen getan! Wenn es möglich gewesen wäre, hättest Du Sun Briar in Topform gebracht. Es war nicht möglich, das ist alles!"

M it einem bedrückten Seufzer ging er schweren Schrittes zu Kilmers Büro. Dies war eine der wenigen Momente, wo er sich von ganzem Herzen wünschte, einen anderen Beruf ergriffen zu haben. Er hatte am Vortag des Derbys noch nie einen so fürchterlichen Gang vor sich gehabt. Ein bestens aufgelegter Kilmer begrüßte McDaniel freudestrahlend. Nun, McDaniel sagte, was er zu sagen hatte. Das Sun Briar nicht die Kondition habe, einfach nicht fit sei, schlecht fresse und es unfair dem Pferd gegenüber wäre, es in's Derby zu schicken. Er würde verlieren. Kilmer war fassungslos. Binnen Sekunden war sein großer Traum zerstört, der Traum vom Derby-Sieg in den Kilmer-Farben. Zwei Jahre des Wartens, zwei Jahre Bangen und Hoffen, zwei Jahre Training, zwei Jahre.... Man kann gut nachvollziehen, wie tief Kilmer enttäuscht war. Am Vortag des Derbys streichen! Kilmers Frau hatte - wie viele andere auch - eigens für den ersten Derbystarter der Kilmer-Ställe eine Riesenparty geplant. Gäste, Freunde, Bekannte, Geschäftspartner aus allen Teilen Amerikas waren angereist um den ersten Derbystarter für die Kilmer-Ställe zu feiern und ihn siegen zu sehen. Kilmer schwieg lange und bedrückt, sah McDaniel an und sagte leise: "Okay, Henry. Sie sind der Trainer! Sie sind der Mann, der entscheiden muß ob ein Pferd für ein Rennen wirklich fit ist. Nun bleibt mir nur noch eins zu tun."

E in weiterer Besucher kam in das Büro, Matt Winn. Als er die beiden blassen, niedergeschlagenen Gesichter sah, wußte er Bescheid. Sun Briar würde nicht im Derby starten. Kilmer tat ihm sehr leid, er konnte nachempfinden was die Streichung Sun Briars bedeutete. McDaniel bedauerte Kilmer zutiefst, aber er war sicher, seine Entscheidung war richtig. Matt Winn erkundigte sich indessen: "Was war das für ein Pferd, daß heute morgen mit Sun Briar gearbeitet hat?"
Kilmer verbittert: "Ein faules Arbeitspferd mit dem Namen Exterminator! Für den Mr. McDaniel viel zu viel Geld ausgegeben hat."
Winn vorsichtig: "Er sah doch bei dem Galopp gut aus. Eigentlich sah er sogar sehr gut aus. Vielleicht..."
Kilmer platzte: "WOLLEN Sie etwa andeuten, daß ich diesen Bock mit meinen Farben im Derby laufen lassen soll? Das Vieh kann nicht schneller laufen als ich. Mir reicht's für heute!" Sprach's und dampfte stinksauer aus dem Büro.
Winn und McDaniel sahen sich an. Winn: "Ich wollte ihn doch nicht beleidigen! Wahrscheinlich eine törichte Idee. Toll sieht das Pferd ja nicht aus." McDaniel erzählte Winn, daß "Old Bones" zwar nach nichts aussähe, aber sehr gut laufen könne, Arbeitspferd hin oder her, er hätte seinen Speed nie vergessen, und Kilmer habe aufgrund des unglücklichen Trainings eine völlig falsche Meinung von dem Tier. In seiner Fürsprache schwärmte McDaniel förmlich von Exterminator und endete mit: "Er ist das artigste Vollblut, mit dem ich je zu tun hatte."
Winn lächelte: "Das sollten Sie Kilmer geschickt verkaufen. Exterminator hat noch Derbynennung, wenn er seine Farben laufen sehen will, er hat immer noch ein Derbypferd. Gehen Sie ihm nach, ich warte hier."

K ilmer explodierte, er wurde fuchsteufelswild als McDaniel ihm den Vorschlag unterbreitete und es wurde laut. "Der Vorschlag, daß ich diesen Stöpsel von einem häßlichen, faulen Arbeitspferd in meinen Farben an den Start des Derbys gehen lassen soll, ist das verrückteste, das mir je zu Ohren gekommen ist!"
"Ja, er ist keine Schönheit...." setzte McDaniel an
"Er kann niemals laufen!" unterbrach Kilmer. "Denken Sie daran, Sun Briar hat ihn geschlagen, ging weit vor ihm...." Kilmer tobte, McDaniel blieb ruhig und fand ein Argument nach dem anderen für einen Start Exterminators.
"Vergessen Sie doch eine Minute sein Aussehen. Seine Klasse ist dort, wo Sie sie nicht sehen können - innen. Er ist ein ehrliches und intelligentes Pferd und er hat reichlich Herz in seinem Körper. Ich werde nicht sagen, daß er morgen das Derby gewinnt. Aber er wird den Kilmer-Farben keine Schande bereiten!"
Plötzlich ertönte Matt Winns Stimme: "Kilmer, Sie wollen morgen Ihre Farben am Start sehen. Lassen Sie ihn laufen. Wenn das mein Pferd, wäre - ich würde ihn laufen lassen!" "Sie würden..." Kilmer war überrascht. Er sah die beiden Männer eine Minute lang an. "Alles Unsinn, ich verkaufe ihn an einen Reitstall!" Winn und McDaniel redeten auf Kilmer ein wie auf einen kranken Hund. Widerstrebend resignierte Kilmer und gab auf, er ließ Exterminator laufen! McDaniels Herz jubelte...

D ie Sensation war perfekt! Sun Briar gestrichen, der Gesprächsstoff auf den zahlreichen Partys am Derbyvorabend! Und nicht zu vergessen, die heiße Diskussion um einen neuen Favoriten. "Lucky B. wird gewinnen!", "Nein, War Cloud macht es!", "Escoba ist der Favorit!", "Hat American Eagle Chancen?", "Was ist mit James T. Clark?", "Viva American soll glänzend auf dem Posten sein!", "Vergeßt nicht Sewell Combs!" ... "Escoba..." ".....War Cloud...". So diskutierten sie sich die Köpfe heiß. Niemand sagte Exterminator. Nicht ein einziger Mensch sprach von Exterminator.

D erbytag!
Es hatte nicht eine Minute aufgehört zu regnen. McDaniel kam zu den Stallungen, stapfte mit Stiefeln durch den Matsch. Er hatte sich die Bahn noch einmal angesehen, der Zustand des Geläufs war schlimmer als schlimm. Abgrundtief. Bones wieherte ihm munter zu. "Ja, mein Junge, Du willst einen genauen Bericht? Der Boden ist matschig, schlammig und abgrundtief. Ich hoffe, Du liebst so einen Boden." Er streichelte den Kopf des Pferdes. "Und es regnet immer noch!" Exterminator zupfte spielerisch an dem Ärmel von McDaniels Jacke. Er lachte leise. "Kannst Du nicht einmal ernst sein? Der wichtigste Tag Deines Lebens und Du willst spielen!"
In den Stallungen stieg langsam die Anspannung. Die Pfleger, Jockeys, Trainer, Besitzer und die Zuschauer, alle fühlten es. Fragen wurden knapp gestellt, die Antworten waren kurz. Gereizte Stimmen. Auch die Pferde fühlten es. Sie waren unruhig und nervös in den Boxen. Alle, außer "Old Bones", er war die Ruhe selbst und beobachtete das muntere Treiben interessiert und glücklich. Er wußte, es lag was in der Luft, heute würde er laufen. Den ganzen Tag waren Menschen an seiner Box vorbeigepilgert. Er wurde kritisch gemustert, sie diskutierten über seinen Größe, sein Exterieur, seine Abstammung. Niemals zuvor hatte er so viele Besucher gehabt. Aber die Menschen schüttelten den Kopf über ihn und gingen achtlos weiter. Exterminator ignorierte sie, glücklich mit dem Ärmel McDaniels beschäftigt. P
lötzlich ertönte eine kräftige Stimme: "Hallo Sir! Ich bin Mike Terry aus Virginia!"
Ein Stalljunge, dachte McDaniel auf den ersten Blick. Seine Kleidung war zwar merkwürdig zusammengestellt, aber adrett und sauber. Der Junge sah in aus großen Augen offen und eifrig an.
"Hallo Mike, schickt Dich jemand zu mir?"
"Yes Sir! Ich arbeite für Bill Garth, bei ihm habe ich alles gelernt. Er sagte mir, ich soll Sie aufsuchen und er wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mich das Rennen sehen lassen könnten!?" Inmitten seiner kleinen Ansprache fiel der Blick des Jungen auf das Pferd. Forschend, mit Kennermine taxierte er das kastanienbraune Pferd. "Waoh! So ein großer Bursche, kräftiger Körperbau. Ist das das Arbeitspferd, das für Sun Briar in die Bresche springt?"
"Ja, das ist Exterminator!"
Der Junge grinste und musterte das Pferd noch einmal, sanft berührte er Exterminators Kopf. "Yeah! Für mich sieht er gut aus! Sehen Sie, seine Augen! Er hat haselnußbraune Augen! Jeder sagt, haselnußfarbene Augen sind das Merkmal eines Champions!" Mike lächelte in sich hinein und schmunzelte zufrieden. "Jo, ich denke er wird gewinnen. Ich schwör's, ich glaube, daß er alle anderen schlagen kann!"
McDaniel lachte. "Okay, mein Junge. Dann sind wir schon zwei. Du und ich! Nur wir beide. Du mußt jetzt langsam gehen. Suche Dir einen Platz da vorne an den Rails. Wenn Dich jemand anspricht, sag, daß Du für mich arbeitest."
Der Trainer hielt noch einmal Zwiesprache mit dem Pferd, das ihn mit wachen Augen ansah. "Ja, mein Junge. Du hast heute einen schweren Gang vor Dir. Alles ist gegen Dich. Nicht nur der miserable Zustand des Geläufs, auch die Zuschauermassen werden nicht hinter Dir stehen. Nein, die meisten haben noch nie von Dir gehört, wissen gar nicht, daß Du im Rennen bist. Du willst, daß sie Deinen Namen rufen, Dich anfeuern. Nicht dieses Mal, mein Freund. Auch Dein Jockey ist tief enttäuscht, er muß Dich Arbeitspferd reiten, anstatt Sun Briar. Er wird Dich sicherlich gut reiten, er ist einer der ehrlichsten Reiter die ich kenne, aber er glaubt nicht an Dich." "Old Bones" schnaubte und rieb den Kopf an der Schulter des Mannes.
McDaniel warf einen flüchtigen Blick auf die Uhr. Höchste Zeit aufzusatteln. Normalerweise trug er einem seiner Freunde die Ehre an, seine Derbystarter zu satteln. Aber er bezweifelte, ob jemand es in diesem Fall als Ehre betrachten würde, so sattelte er Exterminator selbst und sprach weiter: "Da wird ein Junge an den Rails stehen, er wird Deinen Namen rufen! Hör auf ihn! Und höre auf mich! Ich werde Dich auch anfeuern! Hörst Du mich? Lauf heute so schnell wie niemals zuvor. Gewinn!"
Die Starter verließen die Sattelboxen. Der Regen hatte endlich aufgehört. Die Teilnehmer zogen ihre Kreise im Führring, umsäumt von Menschen, Besitzer und Trainer warteten auf ihre Jockeys. Es wurden noch einmal die Chancen der Pferde diskutiert. McDaniel "überhörte" die abfälligen Kommentare der Zaungäste. "Das ist vielleicht ein Pferd!", "Schau Dir den an!", "Kilmer muß den Verstand verloren haben, diesen Sack Knochen in seinen Farben laufen zu lassen!".
Die Jockeys betraten den Führring, schmale Gestalten, nett anzusehen in ihren schillernden Rennkleidung. Willie Knapp trug die grün-orange-braunen Farben des Kilmer-Stalles. McDaniel half ihm beim Aufsitzen. Niemand nahm von Exterminator Notiz, niemand sah, daß das ruhige Pferd vor freudiger Erregung zitterte, als er den Reiter im Sattel spürte. Bald würde es losgehen! Willie Knapp beugte sich zu seinen Steigbügel, da rief ein Mann: "Hey Willie, Warum setzt Du Dich nicht auf ein Pferd?" Die Menge johlte, Knapps Gesicht verfärbte sich tiefrot. Armer Willie. Er hätte Sun Briar reiten sollen und das Derby gewinnen können. Aber nun?
McDaniel streichelte den Hals des Tieres. "Erinnere Dich, was ich Dir gesagt habe! Du kannst es tun!" Dann lächelte er aufmunternd dem Reiter zu. "Willie, bring ihn nach Hause! Du sitzt auf dem besten Pferd, auch wenn das keiner glauben will!" Willie tippte als Antwort mit der Gerte an seine Kappe und reihte sich mit Exterminator für die große Parade ein.

M enschenmassen füllten die Bahn, alle fieberten dem großen Ereignis entgegen. Da kamen sie, die Starter zum Kentucky-Derby 1918! Bones ging gemessenen Schrittes, seine Ohren spielten und lauschten dem Gesumme der Massen, er war völlig gelassen. Nicht wie die anderen Starter, die nervös trippelten und tänzelten, sich leicht aufbäumten.
Die amerikanische Flagge flatterte im Wind, die Band begann zu spielen. Die Menschen wurden still, verharrten einen Moment feierlich, hefteten ihre Augen auf das Sternenbanner. Der Augenblick ging vorüber und die Emotionen der Zuschauer wurden wieder frei. Aufgeregt riefen die Menschen den Namen ihres Favoriten. "Escoba, da ist Escoba!" Eine Welle der Begeisterung, stürmischer Applaus "War Cloud! War Cloud!", "Lauf gut Sewell Combs!" Niemand schrie während der Parade Exterminators Namen. Aber da an den Rails wartete Mike. "Du wirst es ihnen zeigen Exterminator!" schrie er, als das kastanienfarbene Pferd an ihm vorbei schritt. Brüllendes Gelächter brach um ihn herum aus. Mike, die Sprüche seiner Umgebung ignorierend, richtete seine Augen fest auf "Old Bones". Er wußte Exterminator hatte ihn gehört. Hatte er ihm nicht den Kopf zugewandt und ihn angesehen, als er seinen Namen schrie?

N un waren die Teilnehmer an der Startstelle angelangt. Der Starter begann sie in einer Linie "aufzureihen". Kein leichtes Unterfangen nervöse Vollblüter, die immer wieder zurückwichen, rumtänzelten und rumhampelten, in Linie zu bringen. Nur Exterminator nahm in stoischer Ruhe seinen Startplatz ein, wartete geduldig auf die "Zappelphilipps", sah unbeteiligt aus, zeigte nicht das geringste Interesse an dem Heckmeck der anderen Pferde. "Sieh Dir Exterminator an, wetten der verpennt den Start und kommt nicht in's Rennen?" "Das Arbeitspferd versinkt im Schlamm. Ich schwöre Dir, gleich schläft er ein!" Kilmer rutschte auf den Tribünen immer tiefer in seinen Sitz, wurde kleiner und kleiner. Die aufmunternden, nett gemeinten Kommentare seiner Freunde waren ärger als der beißende Spott um ihn herum. Ach, was wäre das für ein Tag geworden, wenn Sun Briar gelaufen wäre. Das Arbeitspferd! Was hatte McDaniel ihm nur angetan.

S tart! "UND HIER SIND SIE!" gellte die Stimme des Rennbahnsprechers über die Bahn. Kilmer blinzelte mißmutig unter der Hutkrempe in Richtung Start. Wie lange würde sein erster Derbystarter dort noch verharren und ihn bis auf die Knochen blamieren? Völlig perplex und überrascht, kaum begreifen konnte er als einer seiner Freunde schrie: "Er ist im Rennen! Sieh doch! Er ist im Rennen, geht an fünfter Stelle! Viva America ist in Front, Escoba und American Eagle geschlossen dahinter, der nächste ist Sewell Combs. Er ist im Rennen!!"
Kilmer schmiß den Hut weg, sprang auf, das Rennglas vor Augen. Wo waren seine Farben? Wo? WO? Willie Knapp kauerte tiefgeduckt auf Exterminator, bemüht durch die blitzschnell verdreckte Brille etwas zu sehen. Schlamm wirbelte hoch, spritzte auf Pferde und Reiter. Vor ihm donnerte eine geschlossene Mauer von Pferden und blockierte ihn. Pferde waren auch an seiner Seite, kamen Exterminator bedrohlich nahe, nirgends ein Durchkommen. Willie suchte verzweifelt eine Lücke in dem dichten Wall von Pferdeleibern, durch die er seinen Exterminator schicken konnte. Er flehte Exterminator an: "Wenn eine Lücke, ein Spalt kommt, nimm sie. Geh durch! Geh durch!" Exterminator wußte genau was Willie von ihm wolle, auch er hielt nach einem Durchschlupf Ausschau, wo er blitzschnell durchstieben konnte. Aber trotz der miesen, bedrängten Lage, Exterminators Galoppsprünge waren weitausgreifend und gleichmäßig. Mutig und ohne Zaudern galoppierte er durch, lauerte auf seine Chance. Exterminator ging dichter an die Rails, ein kühner Versuch, die Reiter mit ihren Pferden in der besseren Position vor ihm, kämpften ebenfalls verbissen an den Rails. Ein gefährlicher Moment. Die Rails auf der einen Seite, Tonnen von Pferdeleibern um ihn herum. Aber wenn er eine winzige Lücke finden würde..., da: Sewell Combs wich ein wenig von den Rails ab, ein winziger Spalt, sehr, sehr schmal. Sollte er es versuchen? Jetzt oder nie, Exterminator stieß durch die Lücke. Jetzt gingen sie an Sewell Combs vorbei, sie passierten American Eagle, dann Escoba. Vor ihnen lag nur noch der dahinfliegende Viva American, nur von ihm bekam er jetzt noch Dreck ab. McDaniel, äußerlich gelassen und ruhig, innerlich fiebernd, flüsterte: "Jetzt Bones! Willie, laß ihn gehen, laß ihn laufen, laufen...!" Willie stieß mit den Händen zu und Exterminator verstand, packte an, schoß mit mächtigen immer länger werdenden Galoppsprüngen dahin, ging an Viva America vorbei! Sie waren in Front. Aber plötzlich tauchte neben Exterminator ein Pferd auf! Der speedstarke Escoba griff an und flitzte an ihnen vorbei. Willie schrie: "NEIN; NEIN, NEIN! Lauf Junge, laß ihn nicht entwischen! Geh! Geh! Geh! Exterminator mobilisierte alle seine Kräfte, setzte Escoba nach, holte ihn ein. Fünf Sekunden donnerten die beide Pferde Kopf an Kopf kämpfend die Zielgeraden herunter. Der Rhythmus ihrer Galoppsprünge wurde schneller und schneller, dann schob sich Exterminator vor. Erst einen Hals, dann eine halbe Länge, die Tribünen kochten, die Menschen sprangen von den Plätzen, fuchtelten mit Händen, Beinen, Armen, Exterminator hatte eine Länge Vorsprung, mit anderthalb Längen Vorsprung ging er als Sieger im Kentucky Derby durch's Ziel. GEWONNEN!!!

T ausende von Menschen verstummten plötzlich wie von Donner gerührt und für Sekunden war es still, als "Old Bones" den Pfosten passiert hatte. Was war passiert? Wer war das Pferd? Schritt für Schritt dämmerte es ihnen, eine Welle des Applauses, der Begeisterung brach den Bann. Für das unbekannte Arbeitspferd, das so ein herrliches und beherztes Rennen gelaufen war. Ein Pferd, daß seit 9 Monaten(!) kein einziges Rennen bestritten hatte, war Sieger des Kentucky Derby!
"Old Bones", mit einem überglücklichen Willie im Sattel, posierte in aller Ruhe für die Fotografen im "Winner-Circle", diesen Jubel liebte er. Ein mit den Nerven fertiger, aber über das ganze Gesicht strahlende Trainer eilte zu seinem Pferd. Einen Augenblick dachte McDaniel, Exterminator würde ihn wieder ihn verspielt am Ärmel zupfen. Aber das Pferd wandte den Kopf und sah ihn gerade an, als wolle er sagen: "Nun denn, wir haben sie geschlagen, war es recht so!?!" McDaniel zwinkerte ihm zu, Kilmer kam, fassungslos nahm er die Gratulationen von allen Seiten entgegen. Es herrschte eine Riesenstimmung auf der Bahn. Ein Reporter meinte: "Er ist das einzige Pferd, von dem jeder dachte, daß er nie die Rosendecke erringen würde!" McDaniel schmunzelte. Niemand? Nun er kannte zwei Ausnahmen. Die einer war er selbst und der andere war Mike Terry, der nun im Moment irgendwo an den Stallungen war und hoffte, daß er ihn einstellte.

D er Weg zurück zu den Stallungen war für Exterminator ein Triumphzug, Pfleger, Arbeitsreiter, Futtermeister alle jubelten ihm zu. Nun riß man sich darum, "Old Bones", den Held des Tages, zu versorgen. Exterminator schnaubte glücklich. Noch nie in seinem Leben hatte er im Mittelpunkt des Interesses gestanden, noch nie hatte man ihm so viel liebevolle Aufmerksamkeit geschenkt. Die Begeisterung kannte keine Grenzen, als Kilmer die Stallungen erreichte und seinem Personal das Gehalt für den Monat Mai verdoppelte. Inmitten der Woge von Jubel stand ein Junge schüchtern ein wenig abseits, ruhig wartend, glücklich die Szenerie betrachtend. "Hi Junge, wer bist Du?" rief einer der Pfleger. In diesem Moment erreichte McDaniel die Stallungen und hörte die Frage. Seine Stimme überschallte den Jubel: "WER DAS IST!? Ich sag Euch, wer das ist. Das ist mein neuester Pfleger! Sein Name ist Mike Terry! Und er ist der Einzige von meiner Mannschaft, der an Exterminator geglaubt hat!"

S elbstredend ist die Geschichte von Exterminator hier noch nicht zu Ende...
Natürlich wurde die Klasse des neuen Derbysiegers erst einmal wieder angezweifelt. "Wie läuft er auf längeren bzw. kürzeren Distanzen?", "Der Derbysieger ist ein Witz!", "Vielleicht kann er nur auf Matsch laufen?", "Vielleicht ist der ganze Jahrgang nicht so gut?" Diese Diskussionen kommen einem doch bekannt vor... Dazu kam, daß Exterminator die nächsten sechs Rennen verlor, aber es war keine Frage seines Könnens, es war eher eine Frage des Reiters. Die Jockeys mußten lernen Exterminator zu reiten, er war absolut kein ungebärdiges Pferd, nur viel smarter als seine "Kollegen". Verlor Exterminator ein Rennen, mußte McDaniel beide, Pfleger und Pferd, trösten. "Old Bones" spürte immer ganz genau, ob das Ding drin war, hatte er verloren, ließ er die "Ohren hängen" und war zutiefst betrübt. Ein Jahr später wurde Mike Terry zum Arbeitsreiter von "Old Bones" befördert, einen besseren, feinfühligeren Arbeitsreiter konnte ein Pferd nicht haben. Als Exterminator fünfjährig war, verließ Henry McDaniel die Kilmer-Ställe. Die Zusammenarbeit zwischen Kilmer und ihm funktionierte nicht mehr. Ein schwarzer Tag für Mike und Exterminator. Es folgten in den nächsten Jahren bis Exterminator seine Rennkarriere beendete, eine Vielzahl von Trainer (insgesamt acht), Spötter würden jetzt sagen, sie gaben sich die Klinke in die Hand. Exterminator und Mike gaben unter jedem Trainer ihr Bestes. Für Exterminator war ein neuer Trainer ein neuer Freund und außerdem hatte er ja Mike. Pferde, wie der unerschütterliche Exterminator - der liebe "alte Knochen" - werden nur ganz selten geboren. Er war ein ideales Renn- und Reisepferd, war alles in der Transportbox nach seinem Gusto, pflegte er sich hinzulegen und zu schlafen. Er startete auf allen Bahnen von Canada bis Tijuana, überall gewann er neue Fans. Er war ein von Witterungsbedingungen völlig unabhängiges Vollblut. Egal, ob es stürmte, schneite, regnete, heiß war, für Exterminator war jedes Wetter Rennwetter. Distanzen waren ihm völlig egal, er gewann auf allen Distanzen. Bodenabhängigkeit war für ihn ein Fremdwort, Exterminator gab auf jedem Boden, von abgrundtief bis knüppelhart, alles. So unkompliziert er war, eine liebenswerte Marotte entwickelte er später. Ihm gingen die Konkurrenten mit ihrem Startgetöse, diesem Rumzicken gewaltig auf den Nerv. Eines Tages, als ein neben ihn befindlicher Mitstreiter am Start wieder besonders hampelig war, wurde es "Old Bones" zu blöde und er griff ein, lehnte sich sacht an das nervöse Pferd als wolle er sagen: "Hey, Kumpel! Was ist los? Wir werden hier nie wegkommen, wenn Du keine Ruhe gibst. Take it easy und hör auf, stell Dich ruhig hin, Du wirst sehen, dann geht es viel leichter!" Da die "Ansprache" von Pferd zu Pferd funktionierte, gewöhnte Exterminator sich an, bei startschwierigen Artgenossen einzugreifen. Er war der beste Freund der Starthelfer...

E xterminator startete von 1917 bis 1924 in 100 Rennen, lief 50 mal als Sieger am Pfosten vorbei, war 17 x Zweiter, 17 x Dritter, in manchem Rennen trug er bis zu 30 Pfund mehr Gewicht als seine jüngere Konkurrenz! Zu Zeiten, als es als Kommunikationsmittel nur die althergebrachte Zeitung gab und dieses neumodische Dingsda namens Radio gerade in den Haushalten Einzug hielt, gingen Pferderennen live über den Äther. Ganz Amerika, jeder Mann, jede Frau und jedes Kind kannte den eisenharten Exterminator. Man O'War wurde tiefer Respekt und Hochachtung entgegengebracht, aber Exterminator hatte einen ganz besonderen Platz in den Herzen der Menschen, er wurde geliebt. Er war eines der berühmtesten Rennpferde Amerikas. Manchmal schien es, als würde er ewig laufen. Oft dachte Kilmer darüber nach, das Pferd aus dem Renngeschehen zu ziehen, aber alle wußten, Exterminators Lebenselixier waren Rennen. Aber 1924 ereilte den nun schon neun Jahre alten Liebling der Nation das Verletzungspech. Es passierte, als "Old Bones" sich in der Geraden vom fünften auf den vierten Platz vorschob. Er wollte doch mit aller Macht nach vorne, aber es tat so weh, dieser Schmerz, es quälte ihn so schrecklich bei jedem Galoppsprung, sein Jockey wollte ihn hochziehen, aber Exterminator ließ sich nicht halten, kämpfte sich mit furchtbaren Schmerzen als Dritter ins Ziel. Der Reiter - nun ließ es Exterminator zu - hielt sofort an und sprang ab. Als die Rennbahnbesucher sahen, wie ihr geliebter "Old Bones" kaum noch auftreten konnte, breitete sich entsetzte Stille auf der Bahn aus. Den Menschen standen die Tränen in den Augen. Es war das Aus für Exterminators Rennlaufbahn, nun mußte er aufhören und bezog einen Platz auf der Farm von Kilmer, wo er sich schrecklich langweilte und richtig deprimiert wurde, bis Mike ihm als Gesellschafter ein Pony besorgte. "Old Bones" und die beiden aufeinanderfolgenden Ponys Peanuts und Peanuts II, ja das, das ist eine ganz andere Geschichte...

E xterminator führte ein schönes Leben. Als Kilmer verstarb, wurden sämtliche Pferde veräußert. Aber es gab eine Extraklausel in dem Testament: für Sun Briar, Exterminator, Pony Peanuts II (und Mike) hatte er extra und reichlich vorgesorgt. Sie kamen auf die Farm von Mrs. Kilmer und wurden von Mike Zeit ihres Lebens liebevoll umsorgt, gehegt, gepflegt und in Ehren gehalten. Exterminator starb im Alter von 30 Jahren am 26. September 1945 in seinem Stall. The Thoroughbred Record schrieb damals: "A heard attack suffered by Exterminator... put the final footnote to the career of a horse that stirred more genuine affection in the hearts of men than any other thoroughbred the American Turf has ever known."
Seinen Mut, seinen Anstand, sein Galoppiervermögen, seinen Willen zum Siegen, seine Härte konnte Exterminator leider nicht weitervererben. Leider war Exterminator irgendwann zum Wallach "geworden". Warum? Wieso? Wüßte ich auch gerne, gaben aber die mir zur Verfügung stehenden Quellen nicht preis. Vielleicht weiß einer meiner Leser mehr?

D amit niemand auf die Idee kommt, ich hätte alles im Kopf gibt es hier ein Literaturverzeichnis . Hinzugekommen ist ein separater "Altertums;-)-" Statistikteil, der sukzessiv erweitert wird.

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01.11.2002 © www.kincsem.de