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Carbine
Neuseeland, geb. 1885
v. Musket a. d. Mersey v. Knowsley
Züchter: Sylvia Park Stud
Besitzer: D.S. Wallace später ab 1895 Duke of Portland
Trainer: Walter Heginbothan

D ie Welt in Jahre 1885: Alfons XIII. wird König von Spanien (bis 1931), der amerikanische Präsident Grover Cleveland zieht gegen die Korruption im eigenen Lande zu Felde, Portugal erschließt die Kolonie Angola in Afrika, die Kongo-Konferenz in Berlin teilt Afrika in feine europäische Häppchen auf. Die europäischen Großmächte und die USA verpflichten sich in der Kongo-Akte zur Unterdrückung des Sklavenhandels. Für alle, die vor dem Zahnarzt Manschetten haben: die erste lokale Narkose in der Zahnmedizin gab es auch in diesem Jahr. Ach ja und des Deutschen liebstes Kind wurde in die Welt gesetzt: von vielen belächelt und von noch mehr verspottet, entwickelten und tüftelten die beiden Erfinder Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach zielstrebig und unbeirrt das erste Fahrzeug mit Benzinmotor. Der Grundstein für das motorisierte Zeitalter war gelegt.

In den letzten 115 Jahren (Stand Dezember 2000;-) hat die neuseeländische Vollblutzucht eine große Menge hervorragender Pferde hervorgebracht und trotzdem hier und da gelangen ganz besondere Meisterstücke der Extraklasse. So ein Meisterstück war der 1885 geborene rotbraune Hengst Carbine. Versucht man aber die Geschichte Carbines zu erzählen, müssen auch ein paar Worte über seinen glücklich am Leben gebliebenen Sire Musket fallen.

Musket wurde 1867 im "Stammhaus" England geboren und hatte wirklich Glück, am Leben zu bleiben. Sein Züchter, Lord Glasgow, war bekannt wie ein bunter Hund als exzentrischer und jähzorniger Mann. Seine Lordschaft hielt von seinem Hengstfohlen nichts, aber auch gar nichts und gab herrisch die Order aus: "Erschießen!" Der Jockey John Osborne setzte sich vehement für den Kleinen ein und erreichte vorübergehend einen Aufschub. Die brenzlige Situation klärte sich für Musket erst im März 1869 als sein Besitzer verstarb. Der Hengst wurde ins Training zu Alec Taylor senior gegeben, der aus ihm einem guten Steher formte (Siege u. a. in den Ascot Stakes und in den Alexandria Plate stehen dafür).
Aufgestellt im Bonehill Stud in Staffordshire deckte Musket für 40 Guineas. Aber an seinen "Dienstleistungen" bestand kaum Interesse seitens der Züchter. In seinen sechs Jahren als Zuchthengst in England hatte er nur 65 Nachkommen. Sein Bester, Petronel, gewann die 2000 Guineas und den Doncaster Cup. Petronel war allerdings erst ein Jahr alt, als Musket 1878 verkauft wurde. Musket ging per Schiff an die Waikato Agriculturnal Company in Neuseeland und nahm sein Gestütsleben in Fencourt, nahe Cambridge, auf. Anfänglich beglückte er ein paar Halbblutstuten und wurde kurze Zeit später an Major Walmskey und T. Morris veräußert. Seine neuen Besitzer stellten den Hengst im Sylvia Park Stud auf, dort wirkte er sieben Jahre bis zu seinem Tod 1885. Die Zahl seiner Nachkommen beläuft sich auf 130. Neben Carbine war auch Musket auch Vater von Trenton, der ebenfalls 15jährig nach England importiert wurde und dort seine Spuren hinterließ (z. B. im Pedigree des Triple-Crown-Siegers Gainsborough).

Im Jahr 1886 wechselte Carbine bei der Jährlingsauktion des Sylvia Park Stud für 620 Guineas in den Besitz von Daniel O'Brien, einem seinerzeit bekannten Besitzertrainer und extrem kecken Spieler. Viel falsch hat sein neuer Besitzer nicht mit ihm gemacht, seine ersten beiden Starts gewann er leicht. Zwar hatte er in den Hopeful-Stakes einen Startverlust, im Ziel hatte er aber die Nase vorn. Ebenso bei seinem zweiten Auftritt, in den wichtigen Middle Park Plate kam er wieder nur langsam auf die Beine und sicherte die Siegprämie und das Wettgeld seines Besitzers mit einer irren Aufholjagd. Jahre später erzählte Freeman Holmes, der Manton in den Middle Park Plate ritt: "...etwas was aussah wie ein Greyhound fegte wie ein geölter Blitz an der Außenseite heran und vorbei, das war Carbine! Im nächsten Stepp wurde mir klar, wir haben verloren und dann dachte ich auch, dass dieser Carbine mehr als nur ein gewöhnliches Pferd sein musste. Wir hatten eine hohe Meinung von Manton und schließlich gewann dieser Hengst ja ein Jahr später das Derby."

Carbine bestritt in diesem Jahr noch zwei weitere Rennen in Neuseeland, die er spielend einheimste und beendete ungeschlagen seine erste Saison. O'Brien entschied, in der folgenden Saison Australien ins Visier zu nehmen. Das erste Ziel war das Victoria Racing Club Derby in Flemington, was mit einer enormen Siegprämie aufwartete. Sein Jockey Derrett vergeigte das Rennen fürchterlich und Carbine bezog seine erste Niederlage. Es ist anzunehmen, dass O'Brien auf den Sieg seines Pferdes Haus und Hof gesetzt hat und durch diese Niederlage herbste Verluste eingefahren hat. Auf alle Fälle musste er wohl seinen Hengst verkaufen um Wettschulden zu bezahlen, für den Reservepreis von 3000 Guineas erwarb ihn Mr. D. S. Wallace und er machte ein richtiges Schnäppchen.

Vorbereitet wurde der Hengst nun von Walter Heginbothan. Zu einer unglaublichen Serie setzte Carbine im Randwick Sydney Cup Meeting an: Am ersten Tag wurde er zweiter in den A. J. C. Autumn Plate (1½ Meilen), am 2. (!) Tag gewann er den Sydney Cup (2 Meilen), dann holte er die Siege im All-Aged Stake (1 Mile), den Cumberland Stakes (1¾ Meilen) und im A. J. C. Plate (2¼ Meilen)! Wohlgemerkt, alles beim gleichen Meeting! Kann sich jemand vorstellen, dass in Baden-Baden oder Hamburg heute noch ein Pferd fünf Mal an den Start gehen würde? Wohl kaum! In Australien brach jetzt das Carbine-Fieber aus.

S pätestens vierjährig wurde Carbine zur Legende. Wieder startete er im Sydney Cup Meeting, dieses Mal aber in "nur" vier Rennen in vier Tagen und passierte vier Mal als Sieger den Pfosten. Wow!

Aber der fünfjährige Carbine war wohl der beste Carbine den Australien je gesehen hat. Die Begeisterung für den vierbeinigen Nationalhelden kannte keine Grenzen, als er unter dem gewaltigen Gewicht von 65,8 kg einer Gegnerschaft von sage und schreibe 38 Pferden in der neuen Rekordzeit von 3:28.25 im Melbourne Cup (damals noch über 3200 Meter) das Nachsehen gab (Anmerkung: Carbines Runner up, der spätere Sydney-Cup Sieger Highborn schleppte in dies nur läppische 53 lb). Da brannte die Bahn, Australien im Freudentaumel, eine Nation feierte, es müssen sich unglaubliche Szenen abgespielt haben - vielleicht vergleichbar mit dem Sieg von Dubai Millennium in Dubai-World Cup im Jahre 2000...

Mit Absicht ist hier nicht die Vielzahl von Siegen aufgezählt, die Liste wäre länger als mein Arm. Nur soviel: Carbine startete in 43 Rennen, huschte in 33 Rennen als Sieger über die Linie, musste sich sechs Mal mit dem zweiten Platz begnügen, drei Mal landete er auf Platz drei. Der Hengst war ein einziges Mal nicht unter den ersten Drei! Carbine gewann 29.476 Pfund, dieser Rekord wurde erst 1922 übertrumpft.
Nach Beendigung seiner glorreichen Rennkarriere stellte Mr. Wallace seinen Helden im Lerderberg Stud in Victoria auf. Sein Stolz auf Carbine knallte aus all seinen Knöpfen und er war ein sehr spontaner Charakter. Anläßlich eines erlauchten Dinners saß Mr. Wallace in unmittelbarer Nachbarschaft von Lady Hopetoun, der Gattin des Governor von Victoria und platzte los: "Lady Hopetoun, ich liebe Sie!" Es ist anzunehmen, dass die hochwohlgeborenen Lady Hopetoun im ersten Moment völlig überrascht, bestürzt und pikiert reagierte, ihren Ohren nicht traute. Aber Mr. Wallace beendete seinen Satz flink mit: "Ich liebe Sie, weil Sie Carbine lieben und den liebe ich auch!"

Im Gestüt stellte Carbine bereits in seinem ersten Jahrgang ein Hengstfohlen namens Wallace, das ein extrem gutes Rennpferd und ein erfolgreicher Deckhengst wurde. In den elf Jahren, in denen Carbine Nachkommen die Rennbahn in Australien unsicher machten, gewannen sie insgesamt 208 Rennen und 46.624 Pfund.

Und dann mussten die Australier im Jahre 1895 Abschied von ihrem geliebten Carbine nehmen. Der Duke of Portland, war auf der Suche nach einem Outcross-Hengst zu seinem St. Simon und seinen Donovan-Stuten fündig geworden. Der Herzog kaufte Mr. Wallace für die Summe von 13.000 Guineas Carbine ab. Für die Australier markierte dies den rabenschwärzesten Tag ihrer rennsportlichen Geschichte. Es ist erstaunlich wie sehr die Australier an Carbine ihr Herz gehängt hatten, denn als Carbine seine Reise nach England auf der "Orizata" von Melbourne aus antrat, standen fast 2000 Menschen am Hafen und gaben ihrem großen Helden einen wunderschönen Abschied.

Wohlbehalten in England angekommen, bezog er seine Beschälerbox neben St. Simon im Welbeck Abbey Stud des Duke of Portlands. 200 Guineas kosteten die Dienste des neuseeländischen Australiers. Fünf Jahre später war die Decktaxe bei 100 Guineas und später bei 50 Guineas angelangt. 1905 lagen die Kosten pro Sprung wieder bei 200 Guineas, und sackten 1906 auf 98 Guineas herab. Wie Aktienkurse...
Sein Pfleger war wie in Welbeck wie in Australien auch Jack Cunningham, er hatte Carbine die Treue gehalten und "seinen" Hengst nach England begleitet. In ihrem erstem gemeinsamen Winter in Welbeck fiel irgendwann einmal Schnee, dieses weiße Zeugs kannte Carbine nun gar nicht und weigerte sich seine Box zu verlassen. Am zweiten Tag, das Grün der Wiesen wollte sich immer noch nicht einstellen, nahm er eine Kostprobe und wälzte sich dann genüsslich in der weißen Pracht.
Dazu noch eine kleine Geschiche: Carbine konnte es nicht ausstehen, wenn er irgendwie feuchte oder gar nasse Ohren bekam. Er zog es dann vor, in der gemütlichen Box zu bleiben. So blieb seinem Trainer Heginbotham an Renntagen nur eins übrig, er begleitete seinen Schützling mit dem Regenschirm bis zum Start (so auch geschehen beim Melbourne Cup seinerzeit).

In England brachte Carbine einige gute Handicaper auf die Bahn, aber so der ganz große Erfolg wollte sich nicht einstellen. Sein bester Sohn war Spearmint, gezogen von Sledmare Stud. Spearmint hatte schlechte Vorderbeine und Major Eustace Loder kaufte den Hengst sehr preiswert für 300 Guineas. Seine schlechten Vorderbeine hinderten Spearmin nicht daran, 1906 das englische Derby und elf Tage später den Grand Prix de Paris zu gewinnen. Im Gestüt selber brachte Spearmint den Derbysieger 1920 Spion Kop und den St. Leger-Sieger 1922 Royal Lancer. Die Linie von Carbine lebt aber in beiden Ländern weiter. Ein Sohn von Spion Kop genannt The Bastard wurde nach Australien exportiert unter den Namen The Buzzard, seine Nachkommen gewannen 450.000 Pfunden in "Gruppen"-Rennen.
Speramint brachte sehr gute Zuchtstuten, vor allen die famose Plucky Liège, Mutter des Derbygewinners Boi Russel; den Grand Prix-Sieger Admiral Drake; den französischen 2000 Guineas-Sieger Sir Galahad III; und Bull Dog, einen führenden Deckhengst in Amerika. Außerdem ist er über seine Tochter Catnip in dem Pedigrees vieler erfolgreicher Pferde vertreten. Catnip ist die Großmutter des großen Rennpferdes und so erfolgreichen Deckhengstes Nearco. Die schmächtige Catnip wurde, bereits schon im Training stehend, für 75 Pfund 1915 nach Italien verkauft.

Der große Australier Carbine starb im Alter von 28 Jahren in Welbeck an einer Gehirnblutung. Erst in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts erreichte ein Pferd namens Phar Lap, ebenfalls aus Neuseeland stammend, die gleiche "Marke" der Begeisterung in Australien wie Carbine. Aber Phar Lap ist eine andere Geschichte!
Über zwei Rennpferde haben die Australier wunderschöne Filme gedreht, über den zweifachen Melbourne Cup-Sieger Archer (1861 - erstmalig ausgetragen - und 1862, Archer hatte aber sehr erschwerte Bedingungen, der Hengst musste an der Hand seines Pflegers zu "Fuß" durch halb Australien nach Melbourne ziehen, man bedenke in welch Zeit - ein Wunder, dass Pferd und Reiter immer heil ankamen) und über besagten Phar Lap. Der Film "Carbine" fehlt...!

D amit niemand auf die Idee kommt, ich hätte alles im Kopf gibt es hier ein Literaturverzeichnis . Hinzugekommen ist ein separater "Altertums;-)-"Statistikteil, der sukzessiv erweitert wird.

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01.11.2002 © www.kincsem.de