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Byerley Turk
geb. ca. 1679 - 1680
Abstammung unbekannt

E in Wort zuvor: In dem Allgemeinen Englischen Gestütsbuch (das erste Gestütsbuch wurde 1793 herausgegeben) sind 103 orientalische Hengste als Gründer der Rasse Vollblut verzeichnet - in dem Turfregister William Picks sogar 160. Eine genaue Zahl zu nennen, ist schlichtweg unmöglich: es war damals üblich, den Pferden den Namen des Besitzers zu geben; bei einem Verkauf wurde das Pferd "einfach" unter den Namen des neuen Besitzers in die Zuchtbücher erneut eingetragen. Nettes Chaos! Also kann man davon ausgehen, dass einige Pferde in den ersten Registern doppelt und dreifach vertreten sind. Heute tendiert man zu der Aussage, dass 50 % der männlichen Vollblutahnen Araber sind und sich die restlichen 50 % zu gleichen Teilen zwischen Türken und Berbern aufteilen. Sei's drum, denn die Ehre, als Stammväter in der Vollblutzucht unsterblich zu werden, wurde nur drei Hengsten zuteil.

Der Dreißigjährige Krieg (1618 bis 1648) und eine endlose Zahl von großen und kleinen kriegerischen Auseinandersetzungen überzogen im 17. Jahrhundert Europa. Kaum ein "Landesfürst", der nicht seine Söhne für Landgewinne, Sicherung strittiger Landesgrenzen, Ausweitung politischer Machtgelüste oder in anderen sinnlosen, blutigen Konfrontationen metzeln ließ. Die lange und tiefgehende Zerstrittenheit des christlichen Abendlandes im ausgehenden 17. Jahrhundert wurde schon lange "wohlwollend" von dem osmanischen Reich beobachtet, verspürte das herrschende Haus trotz einiger Niederlagen (die große Chance, die der Dreißigjährige Krieg ihnen bot, hatte man durch eigene Intrigenspiele vertan) doch noch immer immensen Appetit, seine Grenzen bis weit ins Abendland neu abzustecken. Der Fels in der Brandung, die Bastion der Christen, die fallen musste, war und blieb Wien. Seit der vergeblichen Belagerung Wiens im Jahre 1683 gab es endlose Scharmützel zwischen dem osmanischen und dem christlichen Herr.

Man schrieb das Jahr 1688, da "kassierte" der englische Colonel Robert Byerley nach einem gewonnenen Gefecht in Ungarn bei Buda von einem kapitulierenden türkischen Offizier ein unauffälliges dunkelbraunes Pferd aus arabischer Zucht, dessen Alter ungefähr auf acht Jahre geschätzt wurde. Der 38jährige Byerley, verheiratet mit der Großnichte des 4. Lord Wharton, einem prominenten Pferdezüchter seiner Zeit, diente bei den 6. Dragoon Guards unter dem Kommando König Williams III. of Orange und wurde 1689 mit seinem Beutehengst, der unter dem Namen Byerley Turk unsterblich werden sollte, eiligst nach Irland geschickt. Grund? Die Iren lehnten sich gegen die englische Vorherrschaft unter William III. auf. So befand sich Robert Byerley 1690 mit seinem arabischen Hengst immer noch in Irland, und auch in Kriegszeiten wünscht das Heer Abwechslung: Aufzeichnungen aus dieser Zeit belegen, dass im Frühjahr dieses Jahres bei Down Royal in Nordirland ein Renntag abgehalten wurde. Als höchster Preis war eine silberne Glocke ausgelobt, die Byerley Turk einheimste. Noch im selben Jahr wurden Pferd und Reiter bei der grässlichen Schlacht von Boyne eingesetzt, die das irische Heer verlor. Ob die Erzählungen, dass William III. Byerley Turk in dieser Schlacht selber geritten hat, auf Wahrheit oder Legende beruhen - möge der Leser selber entscheiden. Trotz der Niederlage von Boyne unterstützten die Iren weiterhin den katholischen Stuart-König Jakob II. Als William III. den Stuart-König 1690/91 vernichtend schlug, rächte sich der "Orange-König", und das irische Volk wurde brutal unterdrückt.

Die beiden "Byerleys" überstanden relativ unbeschadet den kriegerischen Abschnitt und der Capitan schiffte sich samt seinem Araber nach England ein. Der Erste der drei Hengste, die heute als Begründer der Vollblutzucht angesehen werden, setzte seinen Huf auf englischen Boden. Zunächst kam Byerley Turk auf den Familiensitz Middrige Grange (Durham) und wurde später auf dem Byerley Gestüt Goldsborough Hall in der Nähe von Knaresborough (Yorkshire) aufgestellt. Als Deckhengst beglückte Byerley Turk nur wenige, aber gut gezogene Stuten, deren Nachkommen - vor allen Dingen die Töchter - sich als wahre Perlen der neuen Zucht erwiesen und erfolgreiche Familien gründeten.

Erst 1701 gibt es den ersten schriftlichen Hinweis auf Byerley Turks Aktitvitäten als Deckhengst, er zeichnet für den 1702 geborenen Hengst Basto. Es ist durchaus möglich, dass es bereits vorher andere Nachkommen von ihm gab, aber wer kann das schon 300 Jahre später herausfinden. Basto - gezogen von Sir William Ramsdon - war einer seiner erfolgreichsten Söhne auf der Rennbahn und auch ein guter Vererber. Den größeren Einfluß als Vaterpferd hatte indes der Byerley Turk-Sohn Jigg, ebenfalls ein ausgezeichnetes Pferd auf der Bahn, denn seine weiteren Nachkommen sichern Byerley Turk den Stammplatz unter den "vollblutlichen" Gründervätern. In kurzen zeitlichen Sprüngen aufgezählt reicht sein Einfluß über Herod, Selim, The Flying Dutchmann, Tourbillon bis hin zu den bekannten Deckhengsten der "Neuzeit" Indian Ridge und Dr. Devious. Nicht zu vergessen der aus einem "Seitenarm" Byerley Turks entsprungene großartige The Tetrarch, Vater der Aga Khan-Stute Mumtaz Mahal, einem Juwel der Stutenherde des Oberhauptes der Ismailiten und allen Züchtern ein Begriff. Byerley Turk starb 1714 im Gestüt Goldsborough Hall. Der Besitz Goldsborough selber wurde nach dem Tode Elisabeth Byerleys um 1766 an die Familie Lascelles verkauft. Vielleicht weiß jemand, was aus der Heimatstätte des ersten Gründervaters der Rasse Vollblut heute geworden ist?

D amit niemand auf die Idee kommt, ich hätte alles im Kopf, gibt es hier ein Literaturverzeichnis . Hinzugekommen ist ein separater "Altertums;-)-"Statistikteil, der sukzessiv erweitert wird.

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01.11.2002 © www.kincsem.de